Jemen: Nichts geht ohne Khat

Campaign against mildly narcotic khat in Yemen

Foto: dpa/Yahya Arhab

Das Kath-Kauen gehört im Jemen zur Alltagskultur wie bei uns das Kaffeetrinken.

Jemen: Nichts geht ohne Khat
Die Pflanze mit den glatten, grünen Blättern wird vielen Länder als Droge angesehen: Im Jemen bestimmt Khat den Alltag. Lebensmittel- und Wasserknappheit sind einige der Folgen.

Der Dattelstand, an dem Ali Dienst schiebt, ist verwaist. Auf dem Markt in Sanaas Altstadt sind am frühen Nachmittag kaum Leute unterwegs. Ein paar batteriebetriebene Plastikventilatoren vertreiben die Fliegen von der süßen, klebrigen Ware, die der Neunjährige verkauft. Er kaut Khat, um sich das Warten auf die Kundschaft zu vertreiben. In den meisten Ländern der Welt gilt Khat als illegale Droge. Im Jemen sind selbst Sechsjährige, die Khat kauen, keine Seltenheit.

Die grünen Blätter vom Catha-Edulis-Strauch wirken aufputschend und anregend. "Khat hält mich wach", sagt Ali. "Es gibt mir Energie." Die Pflanze enthält Cathinon, ein Amphetamin, das in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz fällt. Auch in anderen Staaten am Arabischen Golf wie Saudi-Arabien, Oman oder den Emiraten sind die Blätter verboten. Die Niederlande stuften Khat im Januar 2012 gar als harte Droge ein. Doch im Jemen ist Khat aus dem Alltag nicht wegzudenken.

Ahmed zerkleinert die Blätter zu Brei

"Khat ist keine Droge", verteidigt eine Gruppe gut gelaunter junger Männer, unweit von Alis Dattelstand, ihren Khat-Nachmittag. Sie haben es sich auf der Ladefläche eines Lasters gemütlich gemacht. Vor ihnen liegen kleine Plastiktüten voll von grünen Blättern. Khatkauen sei hier eine soziale Institution. Ahmed, der keine Zähne mehr hat, zerkleinert die glänzenden Blätter in einer Nussmühle zu einem feinen Brei. Dank der Mühle könne er weiter an der Khat-Gesellschaft teilnehmen.

Einer Studie der Weltbank zufolge wird in 70 Prozent aller Haushalte im Jemen Khat gekaut. Manche glauben, die Zahl sei weit untertrieben. Wer am Nachmittag durch die Altstadt von Sanaa geht, sieht kaum einen Mann ohne die Blätter. Auch Frauen kauen inzwischen Khat. Lange nicht in dem Maße wie die Männer, doch während der Konsum bei Frauen vor 20 Jahren noch als unschicklich galt, nimmt inzwischen niemand mehr Anstoß daran.

Die über tausend Jahre alten Bauten in Sanaa, die aussehen wie Lebkuchenhäuser mit Zuckerguss, haben oft ein eigenes Khat-Zimmer. Das Mafraj, ein spezieller Raum mit bunten Glasfenstern und großen Sitzkisten auf dem Boden dient zum Empfang von Besuchern für das Khatkauen am Nachmittag. Egal ob reich oder arm, jung oder alt, der Konsum geht durch alle Schichten und Berufe.

Bauern stiegen von Obst auf Khat um

"Khat hat eine desaströse Wirkung auf die Produktivität des Landes", sagt Jerry Farrell von der Hilfsorganisation Save The Children. Man könne die Arbeitskraft des Landes verdoppeln, wenn der Konsum eingeschränkt würde. Khat sei längst in breiten Teilen der Bevölkerung populär. Anders als noch vor zehn oder 20 Jahren werde Khat inzwischen in aller Öffentlichkeit und täglich gekaut - nicht mehr allein zu speziellen Anlässen wie früher, kritisiert Farrell.

Der ungehemmte Khat-Konsum hat noch andere negative Folgen: Inzwischen ist der Anbau des Strauches so lukrativ geworden, dass viele Bauern von Obst und Kaffee auf Khat umgestiegen sind. "Die Khat-Anbaufläche betrug um 1970 weniger als 10.000 Hektar, 2008 wuchs auf 147.000 Hektar Land Khat", sagte Jemens Landwirtschaftminister Nasser Abdullah al-Aulaqi der Zeitung "Yemen Observer". Die Einnahmen durch Khat und durch Obst und Gemüse hielten sich inzwischen fast die Waage.

Khat braucht fünfmal mehr Wasser als Trauben

Der Khat-Sektor beschäftigt etwa eine halbe Million Menschen - rund 16 Prozent der Arbeitskräfte. Jemen ist das einzige Land auf der Golf-Halbinsel, das ausreichend Lebensmittel für den Eigenbedarf anbauen könnte, weil genügend Regen fällt. Doch weil Khat-Plantagen inzwischen so überhand genommen haben, braucht das arme Land Nahrungsmittelhilfen aus dem Ausland.

Dazu kommt, dass der Khat-Baum, der bis zu 20 Meter hoch werden kann, viel Wasser braucht: Fünfmal mehr als etwa für den Anbau von Trauben. Fast 40 Prozent des gesamten Wassers in der Landwirtschaft fließen in den Anbau der grünen Droge. Eine zunehmende Wasserknappheit ist die Folge.

Inzwischen mehren sich die Stimmen, die sich gegen den starken Khat-Konsum aussprechen. Im Januar organisierten politische Aktivisten die Aktion "Ein Tag ohne Khat", an der auch Jemens Menschenrechtlerin und Friedensnobelpreisträgerin Tawakkul Karman teilnahm. Doch bei vielen Jemeniten stößt dieses Treiben auf Unverständnis. "Khat ist Teil unserer Kultur", sagen die khatkauenden jungen Männer auf dem Markt in Alt-Sanaa. Von einer Anti-Khat-Bewegung ist der Jemen weit entfernt.