"Der Mensch ist mehr als seine Gene" - Früherkennung des Down-Syndroms

Altbischof Wolfgang Huber wird 70 Jahre alt

Foto: epd/Rolf Zöllner

Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Berliner Bischof, Wolfgang Huber.

"Der Mensch ist mehr als seine Gene" - Früherkennung des Down-Syndroms
Der vor der Markteinführung stehende Bluttest zur Früherkennung des Down-Syndroms ist umstritten. Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Berliner Bischof, Wolfgang Huber und früherer Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, fordert ein grundsätzliches Umdenken im Blick auf Leben mit Behinderung.
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Wird der neue Bluttest das Verhältnis der Gesellschaft zu Behinderten verändern?

Wolfgang Huber: Er wird das Verhältnis der Gesellschaft zum Geborenwerden von genetisch oder chromosomal behinderten Kindern noch weiter verändern - dieser Prozess ist schon im Gang. Es ist ein riesiger Irrtum zu glauben, dass wir eine Garantie auf ein unbehindertes Leben hätten, wenn wir verhindern, dass genetisch oder chromosomal beeinträchtigte Kinder geboren werden. Die überwältigende Zahl von Behinderungen, mit denen Menschen ihr Leben führen müssen, ist im Lauf der Lebensgeschichte erworben und nicht angeboren. Im Übrigen: Ein Embryo mit einer genetischen oder chromosomalen Beeinträchtigung ist ein Geschöpf Gottes, dessen Lebensrecht wir nicht in Zweifel ziehen dürfen. Nicht dessen Beeinträchtigung, sondern allein die gesundheitliche Belastung für die Mutter kann nach unserer Rechtsordnung ein legitimer Grund für einen Schwangerschaftsabbruch sein.

Worin bestehen die Gefahren des neuen Tests?

Huber: Die allergrößte Gefahr besteht darin, dass wir das Verhältnis zu unserer eigenen Verletzlichkeit verlieren und vergessen, dass jedes menschliche Leben deswegen mit Fürsorge umgeben und behütet werden muss, weil es ein verletzliches Leben ist. Die zweite Gefahr: dass Menschen in Misskredit geraten, die Ja zum Geborenwerden von behindertem Leben sagen - anstatt dass wir alle miteinander dieses Ja bekräftigen. Drittens hat es auch Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl von Behinderten, die sich mit der Frage herumschlagen: Würde es mich überhaupt geben, wenn zu dem Zeitpunkt, zu dem ich geboren wurde, all das gemacht worden wäre, was jetzt möglich ist?

Plädieren Sie für ein Verbot des umstrittenen Testverfahrens?

Huber: Es bringt nichts, diese drei genannten Risiken allein in der isolierten Diskussion um ein bestimmtes Testverfahren zu sehen. Es wäre eine Illusion zu glauben, wenn wir dieses Testverfahren verhindern, dann hätten wir diese Probleme gelöst. Das glaube ich nicht. Was wir brauchen, ist ein grundsätzliches Umdenken: Der Mensch ist mehr als seine Gene und Chromosomen. Leben hat die gleiche Würde, auch wenn es auf die eine oder andere Weise beeinträchtigt ist. Das Testverfahren kann zu einer Veränderung des gesellschaftlichen Klimas beitragen, wenn wir nicht dagegen halten und wieder von der Würde menschlichen Lebens reden.