"Kein Ort, an dem man zu Hause ist"

Flüchtlingslager Dadaab in Kenia

Foto: epd-bild / Barb Summers

"Kein Ort, an dem man zu Hause ist"
Eine Reportage aus dem größten Flüchtlingslager der Welt in Kenia
Die Menschen im kenianischen Dadaab sind dringend auf Unterstützung angewiesen. Doch die Helfer können kaum mehr ins größte Flüchtlingslager der Welt. Zu groß ist die Gefahr, von Islamisten angegriffen zu werden.

Abdi Abudllahi bekommt das Bild nicht aus dem Kopf, obwohl es schon zwei Monate her ist: Eine abgehackte Hand liegt im Staub des kenianischen Flüchtlingslagers Dadaab. "Sie wollten das Handy klauen, das der Mann bei sich hatte", erzählt der 28-Jährige in Nairobi, wo ihm kurzfristig ein Aufenthalt gestattet wurde. Am nächsten Tag habe die Hand noch an der gleichen Stelle gelegen, sagt Abdi. Wie er sind fast alle in Dadaab aus Somalia, das keine hundert Kilometer entfernt ist. Der Krieg vertrieb Hunderttausende von Menschen aus dem Land.

Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR leben in Dadaab deutlich mehr als eine halbe Millionen Menschen. Es ist damit das größte Flüchtlingslager der Welt. Abdi lebt schon seit mehr als 20 Jahre hier. Sein Vater und seine Mutter wurden in den ersten Tagen des Bürgerkrieges in der Hafenstadt Kismayo getötet. "Nachbarn nahmen mich mit auf die Flucht." Er war sieben Jahre alt. "Aber das ist kein Ort, an dem man zu Hause ist."

Hilflose Helfer - gefährdete Flüchtlinge

Seit einigen Monaten geht es Abdi noch schlechter. "Es ist sehr unsicher geworden." Außer der Sache mit der Hand fällt ihm gleich noch ein zweiter Vorfall ein. "Sie schossen einer Frau, die ich gut kenne, ins Bein." Die Täter gehörten in beiden Fällen der somalischen Al-Schabaab-Miliz an, ist sich Abdi sicher. "Islamisten haben das Lager infiltriert." Wie Helfer erzählen, schüchtern die Milizionäre die Lagerbewohner ein, stehlen, was sie haben wollen und strafen ihre Widersacher.

"Es gibt Sicherheitsprobleme", bestätigt Emmanuel Nyabera, Sprecher des UNHCR." Aber wir haben mit der Regierung gesprochen, sie hat die Sicherheit verstärkt." Bisher jedoch wurden die staatlichen Sicherheitskräfte immer wieder selbst zum Opfer. Mehrfach detonierten Sprengsätze und Granaten neben oder unter Polizeifahrzeugen. Erst vergangene Woche wurden sechs Personen verletzt, als eine Bombe eine Polizeieskorte traf, die Mitarbeiter von Care International zu einer Lebensmittelverteilung begleitete.

Zahl der Anschläge nimmt zu

Immer wieder trifft es auch die Helfer selbst: Ende Juni wurden vier ausländische Mitarbeiter des Norwegischen Flüchtlingsrates entführt, ihren kenianischer Fahrer töteten die Täter. Schon im Oktober 2011 entführten Unbekannte zwei ausländischen Mitarbeiterinnen von "Ärzte ohne Grenzen" und verletzten ihren kenianischen Fahrer schwer.

Warum sich solche Vorfälle in der jüngsten Zeit häufen, ist für Philip Ndolo keine Frage. "Die Al-Schabaab greifen uns an, seit die kenianische Armee in Somalia einmarschiert ist", erklärt Ndolo, der bis zu seiner Ablösung Mitte Juli stellvertretender Polizeichef der Region war. Die Truppen aus Kenia hatten im Oktober die Grenze passiert, nachdem die somalischen Islamisten dort mehrere Anschläge verübt hatten. Die Miliz, die zum Al-Kaida-Netzwerk gehört, drohte Kenia mit Vergeltung, und tatsächlich nahm die Zahl der Anschläge überall im Land seither zu.

Außerhalb des Camps ist es lebensgefährlich

Die unsichere Lage in Dadaab hat längst Folgen für die Versorgung der Flüchtlinge. Viele Organisationen erlauben ihren Mitarbeitern nicht mehr, die Flüchtlingslager selbst zu betreten. Sie bleiben in dem gesicherten Camp, das für die Helfer reserviert ist. "Sich außerhalb dieses Camps zu bewegen, ist lebensgefährlich", bedauert Johan van der Kamp. Er leitet das Büro der Deutschen Welthungerhilfe in Kenia und ist damit auch verantwortlich für die Projekte in Dadaab.

Statt die eigenen Mitarbeiter in das Lager zu schicken, erklären die Helfer Vertretern der Flüchtlinge, was sie an Hilfsmaßnahmen planen. Oder sie arbeiten mit den Bewohnern der umliegenden Dörfer, die von den Flüchtlingen ethnisch nicht zu unterscheiden sind. "Auf lange Sicht können wir so nicht arbeiten", betont van der Kamp. "Wir müssen selbst kontrollieren können, ob die Hilfe da ankommt, wo sie ankommen soll."

Wenn sich die Sicherheitslage nicht bald wieder bessere, stoße die Welthungerhilfe an eine Grenze. "Dann haben wir nicht mehr das Gefühl, tatsächlich Hilfe leisten zu können". Wegen des schwierigen Umfeldes haben viele Organisationen ihre Maßnahmen auf ein Minimum reduziert. In den völlig überfüllten Lagern werden die Flüchtlinge nur noch mit dem Nötigsten versorgt. Eine auf Dauer unhaltbare Situation, meint nicht nur Johan van der Kamp.