Die Bahá'i: "Toleranz ist zu wenig"

Das neu renovierte Europäische Bahai-Haus

Foto: epd-bild/Andreas Arnold

Die Bahá'i: "Toleranz ist zu wenig"
Wie tolerant kann man gegenüber Andersgläubigen und Andersdenkenden sein? Die Glaubensgemeinschaft der Bahá’í glauben an die mystische Einheit aller Religionen und die Einheit der Menschheit. Wie das funktionieren soll und an welche Grenzen man dabei stößt, erzählen Bettina Mickenbecker und Shirin Meyer zu Schwabedissen, zwei Mitglieder der Bahá’í-Gemeinde in Frankfurt. Ein Gespräch über Toleranz in religiösen Fragen und im Alltag und über den Anspruch auf die eigene, persönliche Wahrheit.

Frau Mickenbecker, Frau Meyer zu Schwabedissen: Was glauben die Bahá’í?

Bettina Mickenbecker: Die Bahá’í-Religion ist eine Weltreligion und die Einheit der Menschheit ist unser Ziel. Wir glauben an Bahá'u'lláh, den Gottesoffenbarer für unsere heutige Zeit, und wir glauben, dass die Schriften Bahá'u'lláhs uns dazu befähigen, dass wir eine neue Welt aufbauen können. Alle Kulturen haben im Grunde die Vorstellung von einem Paradies auf Erden, einem Reich Gottes auf Erden und wir glauben, dass Bahá'u'lláh uns die Mittel an die Hand gibt, durch seine Schriften und durch die Worte Gottes, und uns sozusagen befähigt, dieses Reich Gottes aufzubauen. Ein Zitat von ihm dazu ist: 'Es rühme sich nicht, wer sein Vaterland liebt, sondern die ganze Welt.'

Bahá'u'lláh ist sozusagen die Manifestation Gottes für unsere heutige Zeit. Das bedeutet, Gott schickt uns jemanden der uns offenbart was der Wille Gottes ist. So sind Bahá'u'lláh, Jesus, Mohammed, Krishna, Budda, Moses alles Gottesoffenbarer, die uns zeigen - immer in ihrer jeweiligen Zeit - was Gottes Wille ist. Unsere Prinzipien sind also die Einheit der Menschheit, aber auch die Gleichheit von Mann und Frau, Einheit von Wissenschaft und Religion, aber auch die selbständige Suche nach Wahrheit. Jeder Mensch muss selber die Wahrheit entdecken. Ich kann nicht einer anderen Person sagen: "Das ist jetzt richtig."

Für den Bahá’í-Glauben spielt Toleranz eine wichtige Rolle. Die Einheit der Menschheit in ihrer ganzen Vielfalt und Weltfrieden stehen bei ihnen im Mittelpunkt. Aber wie soll das funktionieren?

Mickenbecker: Toleranz in dem Sinne ist für die Bahá’í zu wenig. Toleranz ist im Grunde, wenn man sagt, auf einem Schachbrett stehen die weißen Figuren da und die schwarzen dort und man toleriert sich nur. Die Bahá’ís gehen weiter: Sie sehen jeden Menschen als Familienmitglied an. Wenn ich nicht die Unterschiede bei den Menschen sehe, sondern die Gemeinsamkeiten und dass wir alle von einer Sonne erleuchtet werden, wenn ich das Positive sehe, dann habe ich keine Vorurteile mehr, sondern dann sehe ich das große Ganze und die Einheit der Menschheit, dass alles eine Schöpfung ist und zusammenhängt.

Und zum Thema wie man das schafft: Es geht um die wahre Natur des Menschen. Der Mensch ist nicht nur intellektuell und körperlich, sondern auch geistig. Wenn jeder Mensch seine geistigen Fähigkeiten wie Liebe, Freundlichkeit, Geduld und Hilfsbereitschaft weiterentwickelt und gleichzeitig auch etwas für die Menschheit tut, dann kann sich die Welt verbessern. Man kann aber erstmal nur bei sich selber anfangen. Bei uns kann jeder durch Studienkreise und Kinder- und Jugenderziehung lernen was seine Fähigkeiten sind und wo er sich einbringen kann, um etwas Positives für andere zu machen.

Wir haben aber natürlich auch Andachten, da werden Texte aus den monotheistischen Religionen gelesen, zum Beispiel auch aus der Bibel, und zu Themen wie Liebe und Gerechtigkeit diskutiert. Und das dient dazu, dass die Menschen, dass die Umgebung, in der wir leben, geistiger werden.

"Ich versuche nicht, zu überzeugen"

Warum sind gerade religiöse Gefühle so leicht zu verletzen? Warum fällt es vielen schwer in Religionsfragen Toleranz zu üben?

Mickenbecker: Bahá'u'lláh hat gesagt, dass wenn Religion missbraucht wird für Krieg, für Töten, dann ist es keine Religion mehr. Ich glaube, viele Menschen haben heutzutage Vorurteile und Religion ist irgendwie negativ besetzt. Und Menschen sind vielleicht nicht tolerant, weil Religion zu oft missbraucht worden ist.

Wie würden Sie denn jemand gegenüber treten, der Ihrem Glauben gegenüber intolerant ist?

Shirin Meyer zu Schwabedissen: Wenn ich das Gefühl habe, mir hat jemand zugehört und versucht, mich zu verstehen, und dann trotzdem sagt "Was du glaubst, ist Humbug", dann ist das so. Ich glaube, wenn man das Gefühl hat, man wird fair behandelt, dann kann man das leichter hinnehmen als wenn man das Gefühl hat, man kämpft gegen Vorurteile, die nichts mit einem zu tun haben. Ich denke, das ist bei vielen anderen religiösen Gruppen auch so, dass sie das Gefühl haben, dass sie ständig gegen Vorurteile, die in der Gesellschaft herrschen, ankämpfen müssen und deswegen sind viele dann auch sehr verteidigend.

Mickenbecker: Wir verteidigen in diesem Sinne nicht. Ich war schon in Marokko oder in Bulgarien und habe über den Bahá’í-Glauben gesprochen und wenn ich merke, dass Menschen das nicht hören wollen oder dagegen sind, dann höre ich auf. Und ich versuche dann auch nicht, zu überzeugen. Wenn sich jetzt aber jemand mit Fragen zu unserem Glauben an mich wendet, dann setze ich meine Energie ein und stelle mich da zur Verfügung und antworte. Aber sobald ich merke, dass jemand aggressiv reagiert oder keinen Dialog möchte, dann höre ich sofort auf. Da würde man sonst nur gegen Windmühlen kämpfen.

"Kein einzelner Mensch darf sich über einen anderen stellen"

Es geht es als auch darum, Grenzen anzuerkennen.

Meyer zu Schwabedissen: Ja, aber ich glaube, in dem Moment ist es auch wichtig, den anderen nicht nur einfach so zu lassen und zu sagen, der hat halt seine Meinung, sondern dass man trotzdem versucht, ihm Liebe gegenüber zu bringen und ihn als Freund zu sehen und zu verstehen, was seine Beweggründe sind und warum er so denkt.

So eine innere Haltung ist doch bestimmt schwierig auch im Alltag oder im Glauben aufrecht zu erhalten?

Meyer zu Schwabedissen: Sicherlich, es ist ja nur ein Streben danach, diese innere Haltung zu haben. Jeder Bahá’í hat da seine eigene Grenze.

Der Bahá’í-Glaube sagt klar, dass Sexualität zwischen Menschen gleichen Geschlechts nicht erlaubt ist, auch wenn Liebe zwischen zwei Menschen desselben Geschlechts nicht weniger aufrichtig ist als zwischen heterosexuellen Eheleuten. Die "Homo-Ehe" wird von ihnen nicht befürwortet. Gleichzeitig dürfen Homosexuelle aber aus Prinzip nicht diskriminiert werden. Ist dass nicht sehr theoretisch und kompliziert gedacht?

Meyer zu Schwabedissen: Ich glaube, solche Dinge sind tatsächlich sehr kompliziert für uns nachzuvollziehen. Ich glaube, es ist auch ganz wichtig, dass sich kein einzelner Mensch über einen anderen Menschen stellen darf. Wenn jemand entscheidet, dass er jemanden gleichen Geschlechts liebt, dann ist das so und es liegt nicht an uns, das zu verurteilen. Dass eine gleichgeschlechtliche Trauung in unserer Religion nicht vorgesehen ist, für mich hat das nichts mit Toleranz gegenüber Homosexuellen zu tun.

Mickenbecker: Vielleicht wird dieses doch sehr schwierige Thema ein wenig klarer, wenn die Worte Bahá’u’lláhs liest: "Tretet in den Stand der Ehe, o Menschen, auf dass aus euch ein Nachkommen entstehe, der Meiner unter Meinen Dienern gedenkt. Dies ist Mein Gebot, das ich euch gebe. Haltet euch daran zu eurem eigenen Nutzen." Die Bahá’í-Schriften sagen, dass die Ehe in erster Linie eine gesellschaftliche und moralische Institution ist und ihr Zweck über die unmittelbaren persönlichen Bedürfnisse und Interessen der Eltern hinausgeht.

"Es ist die niedere Natur gegen die höhere Natur"

Aber hat das nicht doch etwas mit Toleranz zu tun, dass man dann Homosexuellen eine gewisse Form der Anerkennung versagt?

Meyer zu Schwabedissen: Natürlich gibt es auch homosexuelle Bahá’ís. Aber generell ist allen Menschen, egal welcher Gesinnung, vor der Ehe Sex versagt. Eigentlich geht es darum, nicht Sklave dieser Bedürfnisse zu werden, sondern sie zu kontrollieren. Es geht also darum, die körperlichen Bedürfnisse unter die geistigen zu stellen. Und wenn das für einen Bahá’í, der gleichgeschlechtlich liebt, bedeutet, dass er nicht heiraten kann, dann ist das so. Bei den Bahá’ís ist es ein Gesetz, keusch zu sein, es ist aber kein Gesetz, zu heiraten. Es ist also ein bisschen die niedere Natur gegen die höhere Natur. Und als Bahá’í ist man immer bemüht, auch wenn es nicht immer klappt, dass die höhere Natur die Kontrolle hat.

Wann fällt Ihnen beiden persönlich Toleranz am schwersten? Und wie kann man mit der eigenen Intoleranz umgehen?

Mickenbecker: Für mich ist dass der Fall, wenn jemand sein Ego zu sehr nach außen trägt und sich in den Mittelpunkt stellt. Das ärgert mich sehr. Dann bin ich sehr ungeduldig und weiß, ich muss an mir arbeiten und mehr Geduld haben. Wenn sich Personen zu sehr in den Mittelpunkt stellen, dann kann man nicht mehr an der Sache arbeiten und zusammen entscheiden. Man sollte dann versuchen, freundlich zu bleiben und dass was man sagt, in einem guten Ton zu sagen und Verständnis für die Menschen zu haben. Denn sobald man Verständnis hat, sobald man nachempfindet, was mein Gegenüber eigentlich wirklich meint, dann sehe ich auch, was dahinter steckt.

Die Religion der Bahá’í beruft sich auf die Schriften ihres Religionsstifters Bahá’u’lláh ("Herrlichkeit Gottes", 1817–1892) und ist im Iran entstanden. Sie lehrt einen abrahamitischen Monotheismus. Im Mittelpunkt steht der Glaube an einen transzendenten Gott, die mystische Einheit der Religionen und der Glaube an die Einheit der Menschheit in ihrer Vielfältigkeit. Die Bahá’í glauben, dass Gott für jede Zeit einen Gottesoffenbarer schickt, der den Willen Gottes verkündet, und erkennen etwa Abraham, Moses, Krishna, Budda, Jesus Christus, Mohammed und Bahá’u’lláh als Manifestationen Gottes an. Es gibt etwa sechs Millionen Anhänger auf der ganzen Welt.