Schneiders Zeitansage: Klarheit geht auch ohne laute Töne

Kommentar

Illustration: evangelisch.de/Simone Sass

Schneiders Zeitansage: Klarheit geht auch ohne laute Töne
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, hat in seinem Synodenbericht eine breite Themenpalette angesprochen. Eine Analyse.

Nikolaus Schneider bleibt seinem Stil treu. Im dritten Jahr steht er nun an der Spitze des EKD-Rates, seine Rechenschaftsberichte vor dem Kirchenparlament sind stets grundsolide und unspektakulär. So auch seine Ausführungen am Sonntagmittag vor der in Timmendorfer Strand tagenden Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Der rheinische Präses baut seine Ausführungen auf starkem theologischem Fundament. Der pastorale Einschlag ist ihm wichtiger als der politische Effekt, ohne dass er darüber die Rolle der Kirche in der Gesellschaft vernachlässigen würde. Klarheit  braucht keine lauten Töne.

Eingangs befasst sich Schneider mit zwei religiösen Grundthemen der Gegenwart: der Gottvergessenheit weiter Teile der Bevölkerung sowie der aggressiven Gottbestreitung durch den Atheismus. Damit die Religion nicht weiter verdunstet, spricht sich der Ratschef für eine neue Kreativität der Glaubensvermittlung aus: "Wir brauchen eine theologische Sprache von Gott, die elementarisiert, ohne zu simplifizieren." Zwar bleibt Schneider unkonkret, was die Folgerungen für die religiöse Bildung angeht, doch er stellt klar, dass die Kirche ihren missionarischen Anspruch niemals vernachlässigen darf.

Kämpferisch gibt sich der rheinische Präses gegen den Atheismus, der auf eine Verdrängung der Kirche aus der Öffentlichkeit zielt. Die alten Polemiken des 19. Jahrhunderts tauchten heute "in neuem Gewand" wieder auf, so Schneider. Er warnt energisch vor einer Privatisierung der Religion, was zu "aggressiven und fundamentalistischen Fehlformen" führen würde. Er mahnt die Religionen aber auch, nicht nur sensibler für die Empfindungen anderer Glaubensrichtungen zu werden, sondern auch, "mit Provokationen gelassener und souveräner umzugehen".

"Gott braucht meine alten Organe nicht"

Die Ausführungen in Schneiders Bericht zum Thema Beschneidung sowie zu den ethischen Fragen Präimplantationstechnik (PID), Sterbehilfe und Organspende geben die altbekannten EKD-Positionen wieder. Beim letzten Thema lässt der Ratschef die jüngsten Skandale bei der Organvergabe unerwähnt, fügt aber ein bewegendes persönliches Argument hinzu: Er selbst habe seit vielen Jahren einen Spenderausweis, "weil ich überzeugt bin, dass Gott meine alten Organe nicht braucht, wenn er mir nach dem Tod ein neues Leben schenkt" – und weil er wisse, dass seine Organe anderen Menschen möglicherweise Lebenszeit schenken könnten.

Dem soeben begonnenen Themenjahr "Reformation und Toleranz" im Rahmen der Lutherdekade widmet der Präses einen eigenen Abschnitt und stellt dabei erneut klar, dass das 16. Jahrhundert eine Zeit entschiedener Intoleranz war. Hier müsse sich der Protestantismus seiner eigenen Geschichte stellen, so Schneider. Zwar dürfe die "Gnade der späten Geburt" nicht zu einer Selbstgerechtigkeit führen, "die über die damaligen Menschen den Stab bricht". Doch habe die Christenheit viel zu lange gebraucht, um die Lektion der Toleranz zu lernen – eine der wenigen Redepassagen, den die Synodalen durch Beifall unterbrechen.

Ökumenischer Katechismus

Die Scham über das Geschehene soll sich nach den Worten des EKD-Ratsvorsitzenden auch in einem Buß- und Versöhnungsgottesdienst spiegeln, über den zurzeit mit der katholischen Kirche gesprochen wird. Bereits im kommenden Jahr ist die Herausgabe eines "kleinen ökumenischen Katechismus" vorgesehen, für 2015 bereiten Protestanten und Katholiken einen gemeinsamen Bibelkongress vor. Schneider verbreitet ökumenische Zuversicht für das Reformationsjubiläum: "Mit Freude nehme ich Zeichen einer Bereitschaft beider Kirchen wahr, die unterschiedlichen Zugänge zu diesem Datum im Geiste einer Ökumene der Gaben nicht zu Gegensätzen werden zu lassen."

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Ob die EKD allerdings die Zustimmung katholisch dominierter Bundesländer erhalten wird, den 31. Oktober 2017 deutschlandweit zum einmaligen arbeitsfreien Tag zu machen, erscheint fraglich. Schneider erhält auch für diesen Wunsch Beifall vom Kirchenparlament. Das bevorstehende Jubiläum sei eine besondere Gelegenheit, "das Kommen Jesu Christi als Mitte des reformatorischen Glaubens neu zur Sprache zu bringen", führt der rheinische Präses aus. Es gelte, die Botschaft so weiterzusagen, dass die Befreiung aus den Ängsten und Zwängen der Welt auch im 21. Jahrhundert gelebt werden könne.

Den Ratsbericht im Wortlaut lesen Sie hier.