"Bösartiges Wesen" oder "direkte Demokratie"

epd-bild/Steffen Schellhorn

Die Bild-Zeitung hat heute eine Auflage von 2,76 Millionen Exemplaren.

"Bösartiges Wesen" oder "direkte Demokratie"
Vor 60 Jahren erschien die erste Ausgabe der "Bild"-Zeitung
"Bild" ist die meistgelesene Zeitung Deutschlands. 2,67 Millionen Exemplare verkauft die Zeitung täglich, vor 30 Jahren waren es noch mehr als doppelt so viele. Doch auch in ihrem 60. Jahr spaltet die Boulevardzeitung die Nation.

Als im Mai zwei Redakteure der "Bild" den Henri Nannen Preis erhielten, war sie auf einmal wieder da: die Diskussion darüber, was "Bild" ist und wie die Boulevardzeitung arbeitet. Die Journalisten Hans Leyendecker, Klaus Ott und Nicolas Richter von der "Süddeutschen Zeitung", die an diesem Abend gemeinsam mit den "Bild"-Redakteuren ausgezeichnet werden sollten, wiesen den Preis zurück und sprachen von einem "Kulturbruch".

Die Boulevardzeitung "Bild", die am 24. Juni 60 Jahre alt wird, wurde zum Gegenstand einer Debatte, die man schon für überwunden gehalten hatte. Die "tageszeitung" attestierte Chefredakteur Kai Diekmann, dass er es mit einer jahrelangen Image-Kampagne geschafft habe, "Bild" in der "Mitte der Gesellschaft" zu positionieren. Die Grünen-Politikerin Antje Vollmer schrieb, der Journalistenpreis für "Bild" sei ein "Ritterschlag mit Zugang zur Artus-Runde".

Unernst und antikonventionell

Verleger Axel Springer hatte "Bild" 1952 nach dem Vorbild englischer Boulevardzeitungen gestaltet. Es sollte eine "unernste, antikonventionelle Zeitung" sein. Dem ersten Chefredakteur, Rudolf Michael, schärfte er ein: "Wir wollen die politische Schlagzeile nicht kultivieren." Michael hatte sich zuvor bei Springers "Hamburger Abendblatt" als Redakteur für das Vermischte bewährt.



Springer selbst hat später erzählt, wie er "Bild" gegen den Widerstand seiner Führungsriege durchsetzte. Leseranalysen hatten ihm gezeigt, dass die Leute gern gut bebilderte kurze Berichte lasen. Seine Direktoren hätten sich das Lachen verkniffen, als er ihnen seine Pläne für die neue Zeitung vorstellte. Als er dann auch noch sagte, die neue Zeitung solle "Bild" heißen, "ging das Gelächter los", berichtete er. "Da habe ich gar nicht mitbestimmen lassen, sondern wir haben es gemacht. Und nach einem Jahr hatten wir eine Million Auflage." Ende der 50er Jahre war "Bild" mit einer Auflage von drei Millionen die auflagenstärkste Zeitung Europas.

Je mehr der Verleger sich politisierte, desto mehr politisierte sich auch "Bild". Bereits 1957 nutzte Springer die Boulevardzeitung für eine publizistische Kampagne gegen die Lagerung von Atomwaffen in der Bundesrepublik. Als Ulbricht im August 1961 den Bau der Mauer begann, titelte "Bild": "Der Westen tut NICHTS!" Die Schlagzeile war umrahmt von Stacheldraht.

Wiedervereinigung ist Springers Herzensangelegenheit

Seit Mitte der 50er Jahre war Springer die deutsche Wiedervereinigung zur Herzensangelegenheit geworden. Die DDR, sagte er unter Berufung auf den früheren Berliner Bürgermeister Willy Brandt (SPD), sei "weder deutsch noch demokratisch noch eine Republik". In "Bild" wurde daher das Kürzel DDR bis 1989 konsequent in Anführungszeichen gesetzt.

Zwei Veröffentlichungen aus den 70er Jahren prägen bis heute das öffentliche Bild von "Bild": Zum einen die Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" von Heinrich Böll, in der eine junge Frau Opfer des Sensationsjournalismus wird. Böll hat darin seine eigenen Erfahrungen mit dem Boulevardblatt verarbeitet. Die zweite Veröffentlichung stammte von Günter Wallraff, der 1977 drei Monate lang als "Hans Esser" bei "Bild" in Hannover gearbeitet hatte und über die Methoden des Blattes berichtete.

Gegen seine Bücher "Der Aufmacher", "Zeugen der Anklage" und "Das 'Bild'-Handbuch" strengte der Springer-Verlag mehrere Prozesse an. Wallraff musste anschließend einige Passagen in seinen Büchern schwärzen, erhielt jedoch in großen Teilen von allen Gerichten recht. Der Bundesgerichtshof stellte 1981 fest, Wallraff zeige in seinen Büchern "Fehlentwicklungen eines Journalismus auf, an deren Erörterung die Allgemeinheit wegen der einschneidenden Folgen von Meinungsmanipulationen in hohem Maß interessiert sein" müsse.

Kontinuierlicher Auflagenrückgang

Die Auflage von "Bild", die 1979 noch bei 5,8 Millionen Exemplaren lag, ist in den vergangenen 20 Jahren kontinuierlich gesunken. Zuletzt lag sie bei 2,76 Millionen Exemplaren. Dennoch wird "Bild" nach wie vor eine große Meinungsmacht zugeschrieben. Der CSU-Politiker Edmund Stoiber sagte in einer ARD-Dokumentation, die Zeitung sei "eine Art direkte Demokratie".

Die Zeitung, deren Chefredakteur seit 2001 Kai Diekmann ist, hat es geschafft, die öffentliche Kritik geschickt aufzunehmen: Unter dem Slogan "Ihre Meinung zu 'Bild?" geben Prominente mehr oder weniger kritische Statements zu der Zeitung ab. Als die Werbeagentur jedoch im Februar 2011 die Sängerin Judith Holofernes von "Wir sind Helden" nach ihrer Meinung zu "Bild" fragte, schrieb die zurück: "Ich glaub es hackt." In einem langen Brief begründete sie ihre Ablehnung unter anderem so: "Die 'Bild'-Zeitung ist ein gefährliches politisches Instrument - nicht nur ein stark vergrößerndes Fernrohr in den Abgrund, sondern ein bösartiges Wesen, das Deutschland nicht beschreibt, sondern macht."

Der Springer Verlag druckte den Brief in einer Anzeige ab und schrieb dazu: "'Bild' bedankt sich bei Judith Holofernes für ihre ehrliche und unentgeltliche Meinung."