Der Euro und das Tagesschau-Syndrom

Gegen die Informations-Flut im Medien-Mainstream hilft auch kein Rettungsschirm

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Gegen die Informations-Flut im Medien-Mainstream hilft auch kein Rettungsschirm

Der Euro und das Tagesschau-Syndrom
Die Mehrheit der deutschen Medien versagt in der Eurokrise
Im Schwerpunkt "Die Eurokrise und wir" beleuchtet evangelisch.de unterschiedliche Aspekte der Wirtschafts- und Finanzkrise. Eine besondere Rolle spielen dabei die deutschen Medien: Die überwiegende Mehrheit von ihnen produziert einen Mainstream in der Berichterstattung, hat unsere Autorin Karola Kallweit recherchiert. Anstatt die Rolle Deutschlands in der Krise zu reflektieren werden Ressentiments gegenüber 'den Südeuropäern' bedient und ohne Unterlass Forderungen nach einer harten Sparpolitik transportiert. Viele Bürger, die keine Wirtschaftsexperten sind, verlieren aufgrund der Berichterstattung schlicht das Interesse, weil bei Ihnen der Eindruck erweckt wird, das Ganze sei viel zu kompliziert, um es zu verstehen ...

Der US-amerikanische Fernsehsender HBO hat mal wieder einen Quotenhit gelandet: "The Newsroom“ heißt das jüngste Machwerk des Erfolgssenders. Die Protagonisten sind die Fernsehjournalisten des fiktionalen TV-Nachrichtensenders ACN. Von innenpolitischen Themen wie Streiks im Mittleren Westen bis hin zur 'Arabellion' lässt die Serie kein Nachrichtenthema aus. Und bei aller Fiktion stellt sie doch auch eine Frage: Wie sieht anspruchsvoller und kritischer Nachrichtenjournalismus aus?

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Die US-Fernsehkritiker waren wenig begeistert, selbst der liberale New Yorker nicht. Fühlte sich da etwa der ein oder andere Journalist auf den Schlips getreten? Zu wahr erscheint die Aussage eines der Charaktere, der in der Serie für einen Qualitätsjournalismus kämpft: "Es gibt nichts wichtigeres in einer Demokratie, als einen gut informierten Wähler. Wenn es keine Informationen gibt, oder schlimmer, sogar falsche Informationen, dann kann das zu katastrophalen Entscheidungen führen, die jede gründliche Debatte schon im Keim ersticken.“

Von der Fiktion einer Fernsehserie ist es nicht weit zur Realität der Eurokrise: 'Der sparsame, rechtschaffene Deutsche und der faule Grieche'. Einfache Bilder, die sich in unseren Köpfen schon lange eingenistet haben. Berichterstattung voll dumpfer Kritik an den südeuropäischen Staaten und wenig über kollektive Verantwortung. Der Deutsche kennt und begreift in der Tat kaum die Zusammenhänge der Eurokrise. Und das hat weniger damit zu tun, dass er seiner Aufgabe als Bürger einer Demokratie nicht nachkommt, sich anständig zu informieren - sondern vielmehr damit, dass Leser und Zuschauer von Anfang an über vieles nicht informiert worden sind und über manches sogar schlicht und ergreifend falsch.

Bei den Journalisten hat sich eine gewisse Bequemlichkeit breit gemacht

Harald Schumann, Redakteur für Wirtschaftsthemen beim "Tagesspiegel", hat gerade einen Film über Bankenrettung und Eurokrise für Arte gedreht. Er ist einer der wenigen Reporter, die schon seit langem versuchen, der Eurokrise ein Gesicht jenseits der Klischees zu geben. Zwar erkennt er die prekäre Lage von Journalisten an, die oft überhaupt keine Zeit haben, sich mit gewissen Fragen tiefergehend auseinanderzusetzen - dennoch kritisiert er eine gewisse Bequemlichkeit, die sich breit gemacht habe: "Wenn man einfach dem Mainstream hinterher schreibt, fragt einen anschließend niemand, warum man das geschrieben hat, denn es schreiben ja alle. Der Herdentrieb, den man den Akteuren am Finanzmarkt vorwirft, der ist unter Journalisten durchaus auch gegeben.“

Als sich Mitte September bei der Veranstaltungsreihe "Mainzer Mediendisput" zum Thema, ob die Medien in der Berichterstattung zur Eurokrise versagt hätten, einige Mainstream-Journalisten auf dem Podium trafen, war dort wenig Selbstkritisches zu hören. Bis auf ein paar erfrischende Aussagen des Stern-Redakteurs Hans-Martin Tillack, der die Transparenz der EZB mit der des Vatikans verglich und auch sein Eingeständnis, dass man von Anfang an in der Europa-Berichterstattung generell zu unkritisch war, oft auch aus Angst, als antieuropäischer Ruhestörer deklariert zu werden, gewann man als Zuschauer den Eindruck, dass es allein um strukturelle Verbesserungen im Journalismus gehen müsse. Weniger Universalisten und mehr Personal. Dass hingegen auch im sogenannten Qualitätsjournalismus vieles falsch gelaufen ist, so falsch, dass die Bildzeitung, die an vorderster Front auf das Pferd Griechenland-Bashing gesetzt hat, 2012 mit dem renommierten Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet wird, das hörte man vom Mainstream nicht.

Unwille, sich mit volkswirtschaftlichen Zusdammenhängen auseinanderzusetzen

Und vielleicht liegt genau hier das Problem. Im Podium vermisste man die Journalisten, die seit Beginn der Krise anders argumentieren. Die nicht einfach auf den Zug aufgesprungen sind und gebetsmühlenartig das geschrieben haben, was alle geschrieben haben. Dass das funktionieren kann, davon ist Schumann überzeugt. Letztlich müsse keiner ein Experte sein, sondern nur mit mehr als einer oder zwei Quellen reden, um Qualität zu produzieren. "Ich sehe, dass es einen großen Unwillen gibt, sich mit den volkswirtschaftlichen Zusammenhängen auseinanderzusetzen, weil es eben viel schöner ist, solchen Klischees hinterher zu schreiben“, so Schumann.

Dass es anders geht, erfährt man beim Besuch in einem Hinterhof in Berlin-Kreuzberg. Hier befinden sich die Räume von "Kontext-TV". David Goeßmann und Fabian Scheidler, ein Journalist und ein Theaterregisseur, haben diesen alternativen Fernsehsender im Herbst 2009 gegründet und bemühen sich seither, anders Bericht zu erstatten und andere Stimmen hörbar zu machen. Die Themen: Eurokrise, Klimawandel und Co. "Wir berichten kontinuierlich über die Themen, von denen wir glauben, dass sie die drängenden Fragen der Zukunft beinhalten, auch jenseits von Moden. Und wir wollen Menschen zu Wort kommen lassen, die dazu fundierte Hintergründe liefern können“, erklärt Scheidler.

Keine Dreiminutenhäppchen und keine Talkshows

Kennengelernt haben sich Goeßmann und Scheidler bei verschiedenen Aktionen rund um die Finanzkrise 2008. Als Aktivisten von Attac 2009 ein Plagiat der Wochenzeitung "Die Zeit" entworfen haben, das aus der Zukunft berichtete und einen Wandel für möglich erklärte, stellten die beiden in Gesprächen fest, dass ihnen das, was die Mainstream-Medien zur  Finanzkrise berichteten, nicht reichte. Sie hatten die Idee, ganz nach dem US-Vorbild "Democracy Now" einem Online-TV-Sender, gegründet von Amy Goodman – ein mediales Gegengewicht zu den großen Sendern und Verlagen zu schaffen, der sich nicht über Werbung, sondern über Spenden finanzieren sollte. Scheidler erklärt: "Bei 'Democracy Now' hat man Hintergrundinformationen bekommen, Aktivisten und Wirtschaftswissenschaftler gehört, die in die Tiefe berichtet haben - und eben keine Dreiminutenhäppchen und keine Talkshows, in denen alle durcheinander reden und am Ende nur Brei im Kopf übrig bleibt.“

In der Berichterstattung zur Eurokrise will Scheidler die Medien nicht generell verurteilen, da auch für ihn die mangelnden Kapazitäten für Recherche mit ein Grund für die Misere sind. Die "Financial Times Deutschland", so sagt er, habe von Anfang an ein breites Spektrum von Sichtweisen präsentiert und fundierte Krisenanalysen geliefert. Und doch prangert auch er einige Punkte an: "Je länger ich mich mit der Finanz- und der Eurokrise beschäftige, desto mehr wird mir klar, dass ein paar Grundstrukturen für jeden verständlich sind - und das macht der Mainstream-Journalismus zu selten sichtbar.“ Die einseitige Perspektive in der Berichterstattung sei ein großes Problem, so Scheidler. Man höre kaum griechische Stimmen, kaum Wirtschaftswissenschaftler, die Merkels Sparpolitik in Frage stellten, in den Talkshows sei die Diskussionsbreite auf parteipolitische Positionen beschränkt, obwohl viele der Lösungsvorschläge für globale Probleme gar nicht aus den Parteien, sondern aus der Zivilgesellschaft kämen. In den Medien kämen überproportional Regierungsvertreter und solche von Interessenverbänden zu Wort. "Die Aufgabe des Journalisten ist doch, zu schauen, wo die alternativen Stimmen sind“, findet Scheidler.

Nur Bericht erstatten und Fakten darlegen führt zum Tagesschau-Syndrom

Und genau hier liegt das Problem: Ethischer und guter Journalismus hat eben nicht nur die Aufgabe, abzubilden, was Pressesprecher XY gesagt hat, sondern er muss einordnen, muss die strukturellen Zusammenhänge so erklären, dass der Zuschauer eine Nachricht verstehen kann. Und wenn ein Brüssel-Korrespondent auf dem Mainzer Mediendisput erklärt, seine Hauptaufgabe sei es zunächst, Bericht zu erstatten und Fakten darzulegen, kann man auch Scheidlers folgende Aussage um so mehr verstehen: "Das führt dann genau zu diesem Tagesschau-Syndrom. Die Leute schauen sie, können sich anschließend aber weder an irgendetwas erinnern, noch haben sie irgendetwas verstanden. Denn um ein Regierungsstatement oder ein Ereignis einordnen zu können, muss man Zusammenhänge verstehen. Man muss verstehen, was es bedeutet und aus welcher Perspektive es kommt, wenn ein Jean-Claude Juncker etwas sagt. Wessen Interessen spiegelt das wieder und wessen nicht?“

Die Volkswirtschaftslehre ist keine Naturwissenschaft mit festen Gesetzmäßigkeiten. Aber empirisch betrachtet, kann man sagen, dass Sparen in der Krise noch nie funktioniert hat. Der IWF hat dann kürzlich erklärt, was ein Paul Krugman von der New York Times schon seit Monaten predigt und was auch ein Harald Schumann schreibt: nämlich, dass die Sparpolitik in den Schuldenstaaten kontraproduktiv ist. Und einmal mehr zeigte sich die grassierende Einseitigkeit der deutschen Medienlandschaft. Das findet auch Schumann: "Jetzt wo es der IWF quasi offiziell gemacht hat, wurde zwar darüber berichtet, dass Christine Lagarde sich mit Herrn Schäuble bei der IWF-Tagung gestritten hat, aber so richtig ausführlich referiert, was der IWF festgestellt hat, habe ich in spanischen Zeitungen besser gelesen als in deutschen.“

Vermeintliche Fakten aus dem Mund der Kanzlerin

Was sind eigentlich Fakten? Wenn Angela Merkel in diversen Erklärungen im Bundestag erklärt hat, dass die Griechen später in Rente gehen, dass sie weniger arbeiten – alles vermeintliche Fakten – und die Journalisten das einfach nachgebetet haben und damit den "Fakt" geschaffen haben, dass die Griechen eigentlich selbst an allem Schuld seien - dann muss man sich schon fragen, ob der Bildungs- und Kulturauftrag der öffentlich rechtlichen Medien und der Zeitungen hier einfach nicht mehr wahrgenommen wird. Und egal, wie erfreulich es auch ist, dass es immer mal wieder gute Analysen in Zeitungen gibt und Fernsehsehsendungen wie Monitor oder Frontal 21, die sich hintergründiger mit dem Thema auseinandersetzen, so täuscht das nicht über die generelle Problematik hinweg, dass die deutsche Berichterstattung zur Eurokrise nach wie vor im Argen liegt.

Der Tagesspigel-Redakteur und Otto-Brenner-Preisträger Harald Schumann beschäftigt sich schon länger mit den Hintergründen der Euro- und Finanzkrise - und der Rolle der deutschen Medien dabei. Das komplette Interview mit ihm dazu gibt es hier.