In der Synagoge nehmen Laien das Judentum selbst in die Hand

Das Judentum selbst in die Hand nehmen

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Ein jüdischer Junge liest in der Thora. Vorbeter kann in einer jüdischen Gemeinde jeder sein.

In der Synagoge nehmen Laien das Judentum selbst in die Hand
In der Synagoge darf jeder Jude die Aufgabe übernehmen, die Torarolle in die Luft zu stemmen. Was für das Ritual des Torahochhebens, die so genannte "Hagbaha“ gilt, trifft auch für den gesamten jüdischen Gottesdienst zu: Die Beter sind aufgerufen, sich zu beteiligen. Es gibt viele Gelegenheiten zum Mitmachen, aber nicht jeder ergreift sie.

Beide Griffe fest und gleich unter dem Knauf anfassen, die Arme durchdrücken, leicht in die Knie gehen, das Becken vorkippen und – los. Jetzt lässt sich die aufgeschlagene Torarolle vergleichsweise einfach in die Luft stemmen. Nach jeder Toralesung hält ein Gemeindemitglied die Schriftrolle nach oben, zeigt der Gemeinde die Buchstaben des Pergamentes - ein feierlicher Moment im jüdischen Gottesdienst. Die Tora sind die Fünf Bücher Mose, nach jüdischer Vorstellung die göttliche Offenbarung vom Berg Sinai. Ab dem Samstag vor Pfingsten feiern Juden die "Gabe der Tora“ beim Wochenfest Schawuot. Mosche erhielt am Sinai nach jüdischer Vorstellung nicht nur die "Zehn Worte" oder "Zehn Gebote", wie Christen sagen, sondern auch die Fünf Bücher nebst mündlicher Überlieferung.

"Ein Gebet gilt – egal, wer es spricht“

Jeder Beter darf die Aufgabe übernehmen, die Torarolle in die Luft zu stemmen, doch er sollte die Handgriffe beherrschen. Denn nichts ist schlimmer, als wenn der heilige Text auf dem Fußboden landet oder die Schriftrolle Schaden erleidet. Was für das Ritual des Torahochhebens, die so genannte "Hagbaha“ gilt, trifft auch für den gesamten jüdischen Gottesdienst zu: Die Beter sind aufgerufen, sich zu beteiligen. Sie sollen das Judentum selbst in die Hand zu nehmen. Es gibt viele Gelegenheiten zum Mitmachen: vor der aufgeschlagenen Rolle einen Segensspruch rezitieren, den Toravorhang öffnen und schließen, die Rolle "anziehen“, wie Juden sagen. Das heißt: sie zusammenrollen, mit einem Mantel umhüllen und schmücken. Jeder Jude hat darf im Gottesdienst aus der Torarolle vortragen oder sogar vorbeten, mithin den Gottesdienst leiten. Denn dieser ist ein Wechselspiel von Vorbeter und Gemeinde. Rabbiner und Kantoren müssen nicht unbedingt anwesend sein.

"Wir haben im Judentum keine Sakramente, die nur ein Priester ausführen könnte,“ sagt der Liturgieexperte Rabbiner Daniel Katz. "Ein Gebet gilt – egal, wer es spricht.“ Der jüdische Gottesdienst sei eine demokratische Institution. Zehn erwachsene jüdische Männer und Frauen müssen anwesend sein, damit die Gemeinde zentrale Gebete gemeinsam sprechen kann, im orthodoxen Judentum zehn Männer. Dieses Quorum nennt sich Minjan. "Es gibt das Sprichwort: Zehn Schuhmacher machen einen Minjan, neun Rabbiner nicht,“ sagt Daniel Katz.

Es gehöre zum Berufsbild von Rabbinern und Kantoren, Gemeindemitglieder mit den Kniffen des Vorbetens vertraut zu machen."Wenn man in einen Bus einsteigt, will nicht man ans Lenkrad, sondern überlässt es dem Fahrer. Aber Rabbiner und Kantoren bringen Laien bei, Teile ihres Berufes zu übernehmen." Natürlich sei es zu begrüßen, wenn  Gemeindemitglieder vorbeten. Nur müsse das Gebet auch so klingen, dass es die Gemeinde gerne hört. Kantoren durchlaufen eine lange Ausbildung, um vor der Gemeinde singen zu können, um die Gebete mit den passenden Tönen zu versehen.

"Wir müssen selbst vorbeten, um unsere Gottesdienste feiern zu können"

Doch oft ist der Gottesdienst ohne Profis eine Notwendigkeit. Viele jüdische Gemeinden in Deutschland haben keinen regelmäßigen Kantor. "Wir müssen selbst vorbeten, um unsere Gottesdienste feiern zu können", erzählt Hana Gross aus Heilbronn von der liberalen Initiative in der Israelitschen Religionsgemeinschaft Württemberg IRGW. In liberalen Gemeinden haben Frauen dieselben Rechte wie Männer. Das erste Mal vorzubeten sei auch nicht aufregender gewesen als das erste Mal an der Universität ein Referat zu halten, erinnert sich die studierte Archäologin. "Ich finde es schön, etwas selbst zu machen und den Gottesdienst selbst zu gestalten. Es ist mir wichtig, mich einzubringen, denn kein anderer kann für mich jüdisch sein." Schade findet sie, dass sich viele Juden nicht trauen, vor die Gemeinde zu treten. Das sei eine Art Teufelskreis: "Sie wollen es nicht, und deshalb können sie es nicht. Sie können es nicht, und deshalb wollen sie nicht."

Allerdings sind für den Schritt auf die Bima meist erhebliche Kenntnisse nötig. Die Bima ist das Podest, auf dem der Vorbeter steht. Denn in den meisten Gemeinden sprechen Juden die Gebete auf Hebräisch und rezitieren sie in einem bestimmten Gesang. "Als ich das erste mal zum Vorbeten auf die Bima trat, hatte ich schon weiche Knie,“ erzählt Itai Böing aus Berlin. Der jüdischen Tradition zufolge ist der Vorbeter ein Botschafter der Gemeinde vor Gott. "Ich hatte das Gefühl, den Umfang dieser Aufgabe gar nicht ermessen zu können."

Weiche Knie hat Böing mittlerweile nicht mehr, aber immer noch Respekt: "Vorbeten erfordert volle Aufmerksamkeit," sagt er. Schließlich wolle er alle Worte richtig rezitieren. Konzentration ist auch deshalb gefordert, weil die Texte variieren. Jüdische Gebete sind aufgebaut wie Textbausteine: Je nach Jahreszeit und Anlass, je nachdem, ob Schabbat oder Wochentag ist, ob ein neuer Monat beginnt oder nicht, ob sich die Gemeinde dem Schawuot-Fest oder dem Versöhnungstag Jom Kippur nähert, muss sie Gebetsteile einfügen oder weglassen, wählt sie andere Anreden für den Ewigen als im Rest des Jahres.

Das Lernen ist wichtiger sei als soziale Wohltaten

Itai Böing war 60 Jahre alt, als er anfing vorzubeten. Ein orthodoxer Jude, der sich gut auskannte, gab ihm Unterricht, sang ihm die Gebetsteile auf Kassette. Beim nächsten Treffen führte Böing das Gelernte vor und ließ sich korrigieren. Früher hatte er immer das Gefühl, nicht gut singen zu können. Aber: "Beim Vorbeten habe ich an Sicherheit gewonnen." Es komme auch nicht darauf an, die Gebete zu schmettern wie ein Belcanto-Sänger. Vorbeter, die die Synagoge mit einem Konzertsaal verwechseln, könnten sogar ablenken. Wichtig sei aber schon, dass sich die Beter nicht gegen das Gehörte sträuben müssen. "Die Gemeinde muss sich getragen fühlen."

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Auch aus der Tora trägt der Synagogenvorsteher in der Berliner Synagoge Oranienburger Straße vor. Eine schwierige Aufgabe, denn in der Bibel stehen keine Vokale. Es ist, als ob man sich im Deutschen aus den Buchstabenfolgen Smstg oder mltng die Worte Samstag und Umleitung zusammenreimen müsste. "Ich muss den Bibeltext fast auswendig lernen," sagt Itai Böing. Jeden Tag lernt er einen Vers. Eine Lesung bereitet er vier Wochen lang vor. Warum er die Mühe auf sich nimmt? Itai Böing überlegt einen Moment. "Das ist vielleicht in meinem Charakter begründet, Ich übernehme gerne Verantwortung, trete aus der Allgemeinheit heraus und vertrete sie."

Dass Juden an Schawuot die Tora erhalten haben, ist für sie vor allem eine Verpflichtung zum Lernen. In vielen Gemeinden bleiben sie die Nacht zum Sonntag bis zum Morgengebet wach, beugen sich über Tora und Talmud, um zu diskutieren,  halten Workshops ab. Im jüdischen Gebetbuch heißt es, dass das Lernen sogar noch wichtiger sei als soziale Wohltaten ‒ ein Wert, der auch einen hohen Rang hat: "Dies sind die Dinge, die der Mensch im Diesseits genießt, deren Stamm aber für die kommende Welt erhalten bleibt. Es sind: Das Ehren von Vater und Mutter, Ausüben von Wohltaten, frühzeitiges Erscheinen im Lehrhaus morgens und abends, Gastfreundschaft, Besuchen von Kranken, Ausstatten von Bräuten, das Begleiten von Toten, Andacht beim Gebet, Frieden Stiften zwischen Menschen; doch das Toralernen wiegt alles auf."