Ist Empathie immer gut?

Pflegerin formt ein Herz mit den Händen

© Getty Images/iStockphoto/Stanislav Avdeev (M)

In der Öffentlichkeit ertönt häufig der Ruf nach mehr Empathie - etwa mit Flüchtlingen oder Menschen in Pflegeberufen. Doch was bedeutet das konkret?

Kolumne: Evangelisch kontrovers
Ist Empathie immer gut?
Von der Empathie ist viel die Rede. Wir verbinden mit ihr Einfühlungsvermögen und Mitmenschlichkeit. Ist es also die Empathie, die uns zu moralischen Menschen macht? Hier lohnt es, näher hinzuschauen.

Empathie ist ein beliebtes Wort: Wer von Empathie spricht, kann zur Moral aufrufen, ohne ironisch des Gutmenschentums bezichtigt zu werden. Der Primatenforscher Frans de Waal schildert die Entstehung der Empathie als wesentlichen Meilenstein in der Evolution der Moral.

Typisch für die Empathie ist die geteilte Emotion. Ein Schmerzensschrei eines Schimpansen-Jungen führt bei der Mutter nicht nur zu dem Wissen, dass etwas nicht stimmt – er löst bei ihr beinahe selbst Schmerz aus. Indem die Mutter dem Jungen empfindsam hilft, erhöht sie auch die Chance, dauerhaft ihre eigenen Gene weiterzugeben. Theologisch betrachtet gehört die Empathie zur Schöpfungslehre.

Im Bereich menschlicher Kultur wird auch die künstliche Intelligenz diskutiert. Zwar ist sie kognitiv leistungsfähiger als das menschliche Original, zumindest oft. Doch die menschliche Variante sei nach wie vor maßgeblich, weil – so lautet eine typische Ansicht  – zu ihr "Empathie" gehört. Der Psychologe Simon Baron-Cohen definiert sogar das Böse selbst als "Empathie-Erosion".

Empathie versus Altruismus?

In den öffentlichen Diskussionen unserer Gesellschaft herrscht eine moralische Spannung: wir idealisieren sowohl den Altruismus als auch die Empathie. Zwar kann beides zusammenkommen, wenn man aus Empathie altruistisch handelt. Doch es gibt auch klare Unterschiede. Die Empathie hilft denjenigen, denen man nahesteht. Verwandten und Freunden Gutes zu tun ist natürlich. Hier geht es nicht um Hilfeleistungen an abstrakte Fremde. Und auf kurz oder lang erhält man auch etwas zurück, wenn man Verwandten und Freunden etwas Gutes tut. Die Empathie wirkt als Motor der Nahbereichsethik, indem sie das Gefühl mobilisiert.

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Im öffentlichen Diskurs setzen viele auf diesen Mechanismus: Sie rufen uns auf, mehr Empathie zu haben, etwa mit Flüchtlingen oder Menschen in strapaziösen Pflegeberufen. Indem wir für sie den Kreis des Helfens erweitern, hegen wir keine Erwartung einer direkten Gegengabe. Tendenziell aber bedeutet Empathie Hilfe im kleinen Kreis. Wir haben intensive, empathische Emotionen nur gegenüber wenigen Personen gleichzeitig, nicht gegenüber vielen.

Der Altruismus dagegen – das Helfen auf eigene Kosten – unterstützt gerade auch die Fremden, von denen ohnehin keine Gegengabe zu erwarten ist. In der Bergpredigt fragt Jesus: "Wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? … Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes?" Folglich hilft der Altruismus auch in der Ferne.

Laut der Bewegung "Effektiver Altruismus " etwa solle man in seiner Wohltätigkeit den Nutzen für die Bedürftigen maximieren. Dazu eignet sich z.B. eine Spende für Moskito-Netze zur Malaria-Vorbeugung. Mit einer bestimmten Summe wird so andernorts ein wesentlich größerer Nutzen erzielt als zu Hause. Was ist nun die bessere Moral: Empathie oder Altruismus?

Eigenen Vorurteilen ausgeliefert

Die Hochschätzung der Empathie ist insofern berechtigt, als es anscheinend gerade an ihr fehlt, wenn Menschen moralisch gleichgültig sind. Dagegen schreibt der Psychologe Paul Bloom : "Wenn uns unsere Mitmenschen am Herzen liegen, wenn wir die Welt verbessern wollen, dann geht es ohne Empathie besser." Er kritisiert, dass die Empathie ganz im Hier und Jetzt gefangen ist. Damit bleibe man seinen Vorurteilen ausgeliefert, und die Moral bewege sich im Rahmen des Provinziellen.

Tatsächlich empfinden wir Empathie eher mit denen, die uns ähnlich sind. Wir sind empathisch gegenüber Westeuropäern, die aus einer ähnlichen sozialen Schicht stammen und gleicher Hautfarbe sind. Populisten machen sich das zunutze für ihre Vorstellung eines homogenen Volkskörpers. In den sozialen Medien appellieren Rechtsextreme nicht nur an den Chauvinismus, sondern auch an die Empathie. Die Frage ist nur: Empathie mit wem?

Missbrauch durch Populisten

Empathisch sind Populisten gegenüber Angehörigen ihrer Zielgruppe. Eine Filmemacherin hat außerdem dokumentiert, wie Populisten Tierliebe gegen Migrant:innen ausspielen. Auch sonst zeigen sich Rechtsradikale gern mit Hund (Gauland-Krawatte) oder Kätzchen (Marine Le Pen). Wer Tiere liebt, kann doch kein schlechter Mensch sein, so die unterschwellige Botschaft. Beim Thema des Schächtens werden oft mit vorgegebenem Tierschutz Ressentiments geschürt.

Für aktiven Klimaschutz interessieren sich Populisten dagegen kaum. Das ist ein abstraktes und komplexes Thema, das wir mit Zahlen und großen Zeiträumen, nicht mit einem konkreten Gesicht oder einem Haustier verbinden. Das illustriert auch, dass die Empathie oft blind ist für statistische Effekte. So wird eine Hilfskampagne, die mit den Gesichtern von Kindern wirbt, mehr Unterstützung erfahren als eine leichte Erhöhung der Krankenkassenbeiträge zugunsten von Pflegekräften, auch wenn das letztere mehr Leben rettet.

Altruismus als vernünftige Alternative?

Oft ist nicht die Empathie als emotionaler Moralverstärker gefragt, sondern mehr Gehirnschmalz. Aber auch hier kann man zu weit gehen. Der Empathie-Kritiker Bloom meint: "Auf der intellektuellen Ebene sind wir klug genug einzusehen, dass das Leben der Menschen in fernen Ländern genauso wichtig ist wie das Leben unserer Kinder". Die Vernunft-Alternative zum Gefühl der Empathie bestehe im Altruismus, der einer möglichst großen Anzahl von Menschen hilft, egal wer sie sind.

Natürlich ist das Leben von Fremden nicht weniger wert als das von Verwandten. Dass man nur den Verwandten und Freunden hilft und Fremden gar nicht, wäre eine problematische Parteilichkeit. Doch eine völlige Unparteilichkeit, der das Leben der Fremden genauso viel wert wäre wie das der Familienmitglieder, wäre abstrakt und unrealistisch.

Eines schließt das andere nicht aus

Deshalb greifen strikte Altruisten zu künstlichen Beispielen, um ihr Anliegen zu illustrieren. Sie kritisieren Szenarien, in denen man lieber einem einzigen Verwandten hilft, als zwanzig oder gar tausend Menschen in der Fremde zu retten. Das ist die Logik des "Trolley-Problems": Wenn eine Straßenbahn auf eine Gruppe von zwanzig Menschen zurast, die wahrscheinlich tödlich verletzt würden, sollte man dann nicht schnell eine Weiche umstellen – mit dem Resultat, dass auf dem alternativen Schienenverlauf lediglich eine einzige Person umkommt?

Meiner Meinung nach sollte man hier gar nicht anfangen, eine größere Zahl von Leben gegenüber einer kleineren abzuwägen. Mindestens drei Argumente zeigen, dass das "Trolley-Problem" künstlich und eher abwegig ist. Die zahlreichen Menschen in der Fremde zu retten ist ehrenwert – doch wird die Hilfe dort tatsächlich ankommen? In meinem Nahbereich kann ich das noch relativ gut sicherstellen. Hinzu kommt, dass ich gegenüber der Familie oder der Nachbarin konkrete Verantwortung trage.

Das Zusammenleben mit anderen erlegt mir eine besondere Verpflichtung auf, die moralisch anzuerkennen ist. Eine gewisse Parteilichkeit für das eigene Leben und die Nahestehenden ist moralisch keineswegs illegitim. Außerdem schließt die Hilfe im Nahbereich die Hilfe in der Ferne gerade nicht aus – anders als bei dem künstlichen Straßenbahn-Szenario, bei dem die Weiche nur in die eine Richtung oder in die andere gestellt werden kann.

Schlussfolgerung

Die beliebte Betonung der Empathie trifft etwas Wahres, weil sie sich gegen moralische Indifferenz richtet. Doch sie kann auch problematische Seiten haben. Allerdings sollten wir auch nicht den Altruismus gegen die Empathie ausspielen. Beide Zugangsweisen haben ihre blinden Flecken und bedürfen jeweils der Korrektur durch das Gegenstück.

Die Empathie dient meinen engen Bindungen im Nahbereich. Dass hier eine konkrete Verantwortung besteht, übersehen die "Altruisten" leicht. Andererseits kann eine solche Betonung der Empathie auch zu einer problematischen Bevorzugung allein der Verwandten und Freunde führen. Wir sind auch zur Unterstützung der Fremden und Fernen aufgerufen. In der Bergpredigt steigert Jesus das sogar zur Feindesliebe. Letztlich schließt die Verantwortung im Nahbereich die Unterstützung der Fremden, oder sogar der Feinde, keineswegs aus: Starke Netzwerke im Nahbereich sind auch in der Hilfe für die Fremden besonders leistungsfähig.

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