Es muss sich schnell viel ändern in der Pflege

junge Pflegerin

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Klare Karrieremöglichkeiten für junge Menschen in Pflegeberufen fordert die Präsidentin des Deutschen Pflegerats.

Expertin zum Pflegenotstand
Es muss sich schnell viel ändern in der Pflege
Christine Vogler (52), Präsidentin des Deutschen Pflegerats, dringt auf eine massive Aufwertung der Pflege. Einen Tag vor dem jährlichen Treffen von Pflege und Politik sagt Vogler, es sei "ein bisschen wie in der Klimapolitik": Wenn nicht schnell tiefgreifende Veränderungen kämen, werde es in Deutschland keine professionelle Pflege für alle Pflegebedürftigen mehr geben.

Welche Stimmung erwarten Sie auf dem Pflegetag?

Christine Vogler: Zum einen erwarte ich eine frohgemute Stimmung, weil wir uns alle wiedersehen - vor der nächsten Corona-Welle. Zum anderen rechne ich mit einer Stimmung von Enttäuschungen, der Resignation auch. Auf dem Deutschen Pflegetag begegnet und vergewissert sich unsere Berufsgruppe ihrer Bedeutung, und wir treten in Austausch mit der Politik. Deshalb erwarte ich aber auch den Mut, die Dinge erneut anzupacken. Wir alle, auch die Politik, wollen ja eigentlich eine gute pflegerische Versorgung.

Welches Signal soll vom Pflegetag ausgehen?

Vogler: Wir wollen zeigen: Noch haben wir die Zügel in der Hand. Es ist ein bisschen wie in der Klimapolitik. Wenn wir jetzt nicht tiefgreifende Veränderungen erreichen, dann werden wir in allen Versorgungsbereichen keine professionelle Pflege mehr für die Menschen in Deutschland haben. Wir werden hier und da ein bisschen Verwahrung haben, hier und da ein bisschen Versorgung - aber kaum noch Pflege, die unserem Berufsverständnis und internationalen Standards gerecht wird.

Was muss dafür passieren?

Vogler: Die Pflege muss weg aus dieser Ecke eines angeblichen Assistenzberufs: Wir lernen einen Beruf, können ihn aber nicht ausüben! Wir müssen im Gesundheitswesen endlich über unsere eigene Arbeit mitbestimmen können. Wir brauchen mehr Befugnisse und bessere Arbeitsbedingungen. Wir sind es, die beispielsweise die Wundversorgung leisten und auch verantworten wollen. Wir müssen die Heilmittel verschreiben können. Vor allem aber brauchen wir mehr Personal!

Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats, wünscht sich eine Aufwertung des Pflegeberufs und mehr Befugnisse, etwa beim Verschreiben von Heilmitteln.

Bildlich gesprochen: In der Pflege schrauben wir immer nur schnell ein Rad ans Auto, und dann müssen wir schon wieder woanders hin. In einer Autowerkstatt wäre das undenkbar. Die Gesellschaft und die Politik geben sich aber mit diesem einen Rad zufrieden. Warum?

Was würde die Attraktivität des Berufs erhöhen und für mehr Personal sorgen - abgesehen von einer besseren Bezahlung?

Vogler: Klare Karrierewege von der Pflegehilfe bis zum Masterstudium. Wir müssen einem jungen Menschen sagen können, was er oder sie in der Pflege werden kann. Das ist heute nicht möglich.

"Da ist dann einfach niemand mehr, der zu einem Pflegebedürftigen nach Hause kommt."

Wo ist die Personalnot denn größer, im Krankenhaus oder in der Altenpflege?

Vogler: Wir schätzen, dass uns in den Kliniken rund 20.000 Pflegekräfte fehlen und in der ambulanten Pflege und Langzeitversorgung ungefähr 65.000 bis 70.000. Rund 80 Prozent der Pflegebedürftigen werden ambulant betreut - deswegen ist der Mangel überall gleich.

Aber in der ambulanten Pflege ist die Personalnot prekärer als in einer Klinik oder einem Pflegeheim, weil es keine Kolleginnen gibt, die die Löcher stopfen. Da ist dann einfach niemand mehr, der oder die zu einem Pflegebedürftigen nach Hause kommt: Wenn keiner da ist, wer soll es machen?

Bleiben wir einen Moment bei den pflegenden Angehörigen, die ja den größten Teil der Langzeitpflege leisten. Sollen sie einen Lohn bekommen?

Vogler: Wir müssen viele Wege gleichzeitig gehen, um die Pflege zu sichern. Es ist aus meiner Sicht absolut überlegenswert zu sagen: Wenn wir keine professionell Pflegenden haben, aber verantwortliche Angehörige, die das tun, dann müssen wir diese unterstützen - etwa mit Schulungen - und sie dann auch bezahlen. In Österreich, im Burgenland, wird das derzeit ausprobiert. Das sollten wir uns unbedingt angucken.

"Es muss dafür gesorgt werden, dass das Geld im System bleibt."

Werden Sie auf dem Pflegetag schon eine erste Bilanz ziehen können zur gesetzlich verankerten, tariflichen Bezahlung?

Vogler: Es ist auf jeden Fall ein gutes Signal, wenn man die Löhne in der Pflege anhebt. Über die Auswirkungen können wir aber noch nichts sagen. Dafür ist entscheidend, wie hoch die tariflichen oder einem Tarif entsprechenden Löhne dann wirklich sind. Vor allem geht es nicht, dass wir bei einem verantwortungsvollen Beruf wie unserem immer noch über Mindestlöhne sprechen. Da stellen sich mir die Nackenhaare auf.

Mehr Lohn, bessere Pflege, mehr Personal, das kostet Geld. Wie steht der Pflegerat zu Beitragserhöhungen für die Pflegeversicherung?

Vogler: Pflege wird uns mehr kosten, und daher wird die Gesellschaft mehr für die Pflege bezahlen müssen. Aber: Es muss dafür gesorgt werden, dass das Geld im System bleibt und nicht abfließt. Es gibt Investoren, die in Pflegeheime und Kliniken investieren, um hohe Gewinne zu erzielen - der Gesundheitssektor lässt sich hier massiv abschöpfen. Die Personaleinsparungen der letzten Jahrzehnte haben uns das deutlich gezeigt.

Wenn hingegen gesichert ist, dass das Geld aus der Pflegeversicherung bei der pflegerischen Versorgung ankommt, dann würde, so glaube ich, die Bevölkerung auch Beitragserhöhungen akzeptieren. Wenn sie aber sieht, dass schlechte Versorgung stattfindet, obwohl viel Geld ins System geht, entsteht Unmut.

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