Fußball-WM aus Katar in der Kirchengemeinde?

Public Viewing des Fußballweltmeisterschafts-Spiels zwischen Portugal und Spanien im Juni 2018 in der Mainzer Altmünsterkirche

© epd-bild ´/ Kristina Schäfer / evangelisch.de (M)

Das Archiv-Foto zeigt ein Public Viewing des Fußballweltmeisterschafts-Spiels zwischen Portugal und Spanien am 15. Juni 2018 in der Mainzer Altmünsterkirche. Die WM 2022 wird in Katar ausgetragen, wo Menschenrechte missachtet werden.

Ethik-Kolumne: evangelisch kontrovers
Fußball-WM aus Katar in der Kirchengemeinde?
Die Vorfreude auf die Fußball-Weltmeisterschaft wird stark getrübt durch eine katastrophale Menschenrechtslage in Katar. Wie sollen Kirchen-Gemeinden mit diesem Konflikt umgehen? Dr. Alexander Maßmann, unser Ethik-Experte von der Universität in Cambridge, gibt in seiner evangelisch.de-Kolumne "evangelisch kontrovers" Antworten und zeigt Wege auf.

Dieser Text ist vom 15. September 2022 und hat nicht an Aktualität verloren.

Magull schießt, Tor! Der Ausgleich, und das Finale ist wieder offen. Doch leider gelingt den Deutschen die Sensation nicht – England gewinnt 2:1 und wird zum ersten Mal Fußball-Europameister. So lief es bei der EM der Frauen diesen Sommer. Nach diesem großartigen Turnier richten sich die Blicke allmählich auf die Weltmeisterschaft der Männer. Im November und Dezember 2022 soll der Ball dieses Jahr in Katar rollen. 

Viele freuen sich auf die Spiele: großer Fußball – gemeinsames Bangen, gemeinsames Jubeln. In der Vergangenheit haben zahlreiche Kirchengemeinden zum Public Viewing der WM ins Gemeindehaus eingeladen. Doch soll man das diesen Winter wiederholen? Die Vorfreude auf das Turnier wird stark getrübt durch eine katastrophale Menschenrechtslage in Katar. Wie sollen Gemeinden mit diesem Konflikt umgehen?

Das Problem liegt besonders darin, dass in Katar seit der Vergabe der WM über 15.000 Arbeitsmigranten ums Leben gekommen sind. Laut internationalen Statistiken ist das Risiko eines tödlichen Arbeitsunfalls in Katar etwa acht Mal so hoch wie in zahlreichen, relativ armen Ländern. Und Katar ist eines der reichsten Länder der Welt.

Außerdem werden die Arbeiter:innen dort sehr oft ausgebeutet. Vielen wird z. B. der Reisepass abgenommen.  Sie erhalten oft nicht den Mindestlohn, und zugesagte Ruhetage werden oft nicht gewährt, trotz extremer Temperaturen. Verschiedentlich ist die Rede von Zwangsarbeit. Der DFB-Präsident meinte erst kürzlich, in der Praxis sei die Lage der Arbeiter:innen "nach wie vor äußerst kritisch". Hinzu kommt außerdem, dass Homosexuellen und Transsexuellen in Katar mehrjährige Haft droht. Deshalb haben sich z. B. zahlreiche Mitarbeiter:innen der Waliser Elf entschieden, das Turnier in Katar zu boykottieren, obwohl sich ihr Team zum ersten Mal seit 1958 qualifiziert hat.

Eine Arbeitshilfe der EKD sammelt unterschiedliche Stimmen zur Fußball-WM. Im Geleitwort schreibt ein Autor, er selbst werde ausnahmsweise auf das Schauen der Spiele verzichten. Zugleich wird vorgeschlagen, Gemeinden könnten Public Viewings veranstalten, aber in der Halbzeitpause kritische Diskussionen zur Menschenrechtslage abhalten. Damit würden die Gemeinden aber hü und hott zugleich sagen. Denn in der Mitte einer ausgelassenen Feier wollen die meisten nicht plötzlich den Schalter umlegen, um fünfzehn Minuten lang das drastische Unrecht zu bedenken, dass dieses Fußballspiel erst ermöglicht und für das noch niemand Verantwortung übernommen hat.

Insgesamt lautet Katars Angebot an die Welt: Wir liefern euch eine Hochglanz-WM, und im Gegenzug ignoriert ihr bitte die eklatanten Missstände im Emirat. Mit viel Spektakel werden schlimme Zustände übertüncht. Wir schauen heute auch anders auf die letzte WM, die Putin 2018 in Russland eröffnet hat – in einem "offenen, gastlichen und freundlichen" Land, wie er bei der Gelegenheit sagte, vier Jahre nach der Annexion der Krim.

Ich selbst habe mindestens seitdem "Sommermärchen" von 2006 bei großen Turnieren fast kein Spiel der deutschen Männer verpasst, doch auch ich habe mir vorgenommen, dieses Mal nicht zuzuschauen. Vielleicht entscheiden sich einzelne Christinnen und Christen aus ihren eigenen Gründen bewusst fürs Einschalten. Wenn aber Gemeinden überlegen, ob sie diesen Winter zum gemeinsamen Fußball-Schauen einladen, geht es meiner Meinung nach nicht nur um die freie Gewissensentscheidung der Einzelnen. Es dürfte schwierig sein, ein stimmiges Format zu finden, mit dem die Gemeinden nicht ihre eigene Botschaft untergraben. Ja, sie könnten sich auf die Freiheit eines Christenmenschen berufen. Doch Kirchengemeinden wollen zu einer solchen evangelischen Freiheit ermutigen, der der Nächste nicht egal ist, sondern die von der Nächstenliebe inspiriert ist. Nun aber müsste man die fernen Nächsten in Katar ausblenden, die so bitter gerade für diese Spiele bezahlt haben. 

Ich habe einen konstruktiven Vorschlag für Kirchengemeinden, die gerne gemeinsam Fußball schauen möchten. Auch wenn Sie für diesen Winter keine Pläne machen, brauchen Sie nicht zwei Jahre bis zur EM der Männer zu warten, denn im kommenden Sommer wird die Fußball-WM der Frauen in Australien und Neuseeland ausgetragen. Planen Sie doch einfach ein ausgelassenes Fußball-Fest zu diesem Anlass. Im Sommer dürfte draußen ohnehin die Stimmung besser sein, und auch das Risiko einer Corona-Ansteckung ist dann geringer. Schon diesen Sommer hat die Fußball-EM der Frauen neue Zuschauer-Rekorde aufgestellt, und die Spielerinnen haben fantastische Werbung für das Turnier gemacht.

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