TV-Tipp: "Alles finster"

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13. September, BR, 20:15 Uhr
TV-Tipp: "Alles finster"
Wenn von einem Moment auf den anderen in ganz Europa der Strom ausfällt, und das für Wochen, ist die Katastrophe absehbar. Während die Behörden fieberhaft nach der Ursache suchen, breitet sich zunehmend Chaos aus. Davon hat im Herbst 2021 "Blackout" erzählt, eine aufwändige und äußerst packende Thrillerserie mit toller Besetzung, clever verknüpften Handlungssträngen und Bildern von großer visueller Kraft (bislang nur bei Joyn, der Streamingplattform von ProSiebenSat.1). Nun zeigt das Bayerische Fernsehen ein öffentlich-rechtliches Pendant, das ganz anders daherkommt: zwei bis drei Nummern kleiner, was den Aufwand angeht; und bei aller Dramatik vorwiegend heiter.

Gemein ist beiden Serien im Grunde nur der Anlass: Plötzlich ist der Strom weg; nicht nur im niederösterreichschen Kekenberg, sondern in der gesamten EU. 
Anders als "Blackout" konzentriert sich die sechsteilige Serie jedoch auf den dörflichen Mikrokosmos. Die jeweils 45 Minuten langen Geschichten, die gern mit einem Cliffhanger enden, leben daher vor allem von ihren Typen; der Stromausfall ist letztlich nur Mittel zum Zweck, um diverse große und kleine Dramen zu erzählen. Das personelle Spektrum reicht vom überforderten Bürgermeister (Harald Windisch) bis zu einem zugezogenen bayerischen Ehepaar (Michael A. Grimm, Bettina Mittendorfer).

Ausgerechnet die Piefkes sind die einzigen im Dorf, die angesichts der Tragödie gelassen bleiben, denn sie haben vorgesorgt und im Keller Vorräte für mindestens drei Wochen gebunkert. Natürlich wollen sie ihre Reichtümer nicht mit den anderen teilen, und ebenso selbstredend fällt den Mitbürgern irgendwann auf, dass man die Deutschen gar nicht mehr sieht. 

Autorin Selina Gina Kolland sorgt zwar immer wieder für kleine Überraschungen, doch viele Konflikte sind typisch fürs Heimatgenre: Es gibt eine traditionelle Rivalität mit dem Nachbarkaff Mucking, die harmlos mit einem verlorenen Fußballspiel beginnt, aber schließlich bedrohliche Züge annimmt. Die erwartbare Romeo-und-Julia-Romanze ergibt sich allerdings nicht zwischen zwei Teenagern aus den verfeindeten Dörfern, sondern zwischen dem Sohn vom Bürgermeister und der Tochter der Piefkes.

Ähnlich wie im Katastrophenfilm wachsen die einen über sich hinaus, während sich die anderen in ihr Schicksal ergeben. Und weil "Alles finster" (eine Koproduktion von ORF und BR) in erster Linie komisch sein will, sind einige Charaktere auf die Spitze getrieben, allen voran der verschwörungsgläubige Aluhutträger Norbert (Christian Strasser), der überzeugt ist, Reptiloiden würden den Blackout nutzen, um aus der Tiefe der Erde hervorzukommen und die Macht zu übernehmen.

Ganz erhebliche Probleme hat auch die junge Laura (Miriam Fussenegger), eine ehemalige Profikickerin aus Wien, die seit einem verschossenen Strafstoß unter Angststörungen leidet. Selbstverständlich muss sie sich im Serienfinale ihrem Trauma stellen. Unvermeidlich ist auch eine hochschwangere Frau (Hilde Dalik), die ihr Baby unter dramatischen Umständen ausgerechnet mit Hilfe von Norbert zur Welt bringt. 

Eine der besten Arbeiten von Regisseur Michi Riebl war "Sternschnuppe" (2016). Der "Tatort" aus Wien ist eine grimmige Abrechnung mit Castingshows, die dank des vielen Schmähs auch als Krimikomödie überzeugte. Diese Gratwanderung gelingt ihm hier ebenfalls: Allen Heiterkeiten und Zuspitzungen zum Trotz wird es stellenweise durchaus spannend, etwa, wenn der Pfarrer (Tambet Tuisk) aus dem Brunnen gerettet werden muss oder wenn sich Lauras Ironman-geschulter Freund Patrick (Michael Edlinger) auf den strapaziösen Weg macht, um der vom Tode bedrohten Piefke-Tochter (Laila Padotzke) das rettende Insulin zu besorgen.

Wie in vielen Miniserien sind jedoch nicht alle Handlungsstränge gleichermaßen fesselnd, zumal das Ensemble mit Ausnahme von Harald Windisch, Martina Ebm sowie den beiden Deutschen hierzulande größtenteils unbekannt ist; die schwierige Romanze zwischen dem unübersehbar heftig verliebten Pfarrer und der Schwangeren zum Beispiel wirkt nicht immer konzise. Dazu passt auch der lange Anlauf: In der Auftaktfolge vergeht eine halbe Stunde, bis die in Sachen Drehbuch wenig erfahrene Autorin endlich zur Sache kommt. Die einzelnen Geschichten hätten ebenso wie die Dialoge gern noch bissiger ausfallen können, aber als etwas andere Heimatserie ist "Alles finster" durchaus sehenswert. Der BR zeigt die Serie dienstags in Doppelfolgen, sie steht bereits komplett in den Mediatheken von ARD und BR.  

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