TV-Tipp: "Eifelpraxis: Unter Druck"

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© Getty Images/iStockphoto/vicnt

9. September, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Eifelpraxis: Unter Druck"
Natürlich leben Freitagsreihen wie "Praxis mit Meerblick" oder "Die Eifelpraxis" in erster Linie von interessanten weiblichen Hauptfiguren, die mit ihren mannigfaltigen Be- und Erziehungsproblemen eine Vielzahl von Anknüpfungsthemen bieten.

Der heimliche Reiz der Filme liegt jedoch im kriminalistischen Potenzial. Das mag zunächst nicht ins Bild passen, schließlich geht es in den Geschichten in erster Linie um körperliche Gebrechen. Trotzdem trägt die Arbeit der Heldinnen detektivische Züge: Dass ihre Schutzbefohlenen krank sind, steht außer Frage; aber um sie gründlich behandeln zu können, muss erst die Ursache der Symptome gefunden werden. Deshalb hat Sabine Glöckner, die auch schon am Neustart der "Eifelpraxis" beteiligt war, ihr Drehbuch zur insgesamt zwölften Episode wie einen Krimi konzipiert; inklusive eines bereits in der Auftaktszene versteckten Schlüssels zur Lösung. 

Das kann Vicky Röver (Jessica Ginkel), Versorgungsassistentin des Monschauer Hausarztes Chris Wegener (Simon Schwarz), selbstredend nicht ahnen, als sie beobachtet, wie ein Mann eingreift, als ein Kind von einigen größeren Kerlen gepiesackt wird. Weil die Mobber den Rucksack des Jungen in die Rur geworfen haben, springt Maik (Vincent zur Linden) kurzerhand hinterher. Fürsorglich nimmt Vicky ihn mit in die Praxis, wo Wegener besorgniserregende Symptome entdeckt, die nicht allein auf die Unterkühlung zurückzuführen sind. Auch Freundin Laura (Zoe Moore) ist nicht verborgen geblieben, dass er sich merkwürdig benimmt, seit sie vor einigen Monaten bei ihm eingezogen ist.

Dabei scheint Maik, Inhaber eines Fitnessstudios und entsprechend durchtrainiert, ein kerngesundes Leben zu führen. Ähnlich wie beim Krimi darf das Publikum nun miträtseln: Was mag der Grund sein, warum sich dieser junge Mann, der gern alles unter Kontrolle hat, so seltsam verhält und zudem jede ärztliche Hilfe ablehnt, obwohl ihm bereits die Haare ausgehen? Als Vicky ihn mit ihrer Vermutung konfrontiert, kassiert sie prompt eine Abmahnung vom Chef: Ärztliche Diagnosen sind, wie schon der Name sagt, Sache des Arztes. Trotzdem liegt sie mit ihrer These völlig richtig, wie bereits der Titel andeutet: "Unter Druck" beschäftigt sich mit einem Thema, das gern verschwiegen wird; erst recht, wenn es Männer betrifft.

Maiks Krankheit ist aber nur die eine Ebene des Films. Auf der anderen setzt sich fort, was Glöckner 2021, als Jessica Ginkel mit "Familiengeheimnisse" als Nachfolgerin von Rebecca Immanuel eingeführt worden ist, begonnen hat: die ständigen Auseinandersetzungen Vickys mit ihrer Mutter, der angesehenen Apothekerin Heidelinde Röver (Corinna Kirchhoff), und das Coming-out ihres verheirateten Bruders Georg (Barnaby Metschurat), der sich nach wie vor nicht dazu durchringen kann, sich zu seiner Liebe zum Physiotherapeuten Djamal (Harun Yildirim) zu bekennen. Wichtigster Aspekt ist jedoch die Unzufriedenheit von Vickys Tochter: Kim (Carlotta von Falkenhayn) hat das Nomadenleben der Mutter, die sich mit ihrer Dickköpfigkeit regelmäßig ihre Karrierechancen vermasselt, gründlich satt und will endlich Wurzeln schlagen. 

Auch diesmal sabotiert sich Vicky wieder selbst: Kim und sie leben in einem winzigen gemieteten Haus, in dem ihnen bei einem starken Regen buchstäblich die Decke auf den Kopf fällt. Es gäbe eine traumhafte Alternative mit eigenem Garten, aber für den Kauf müsste Vicky einen Kredit aufnehmen; und mit dem Bankberater ist sie gerade erst heftig aneinandergeraten, weil der Mann ihrer Meinung nach seine alte Mutter vernachlässigt. Heidelinde hat ein großes Anwesen, sie würde Tochter und Enkelin gern bei sich aufnehmen oder zumindest für einen Kredit bürgen, aber Vicky ist viel zu stolz, um das Angebot anzunehmen. Natürlich erzählt Glöckner auch, wie es mit Wegener weitergeht: Der Doktor sitzt seit einem Unfall vor einigen Jahren im Rollstuhl. Kürzlich ist ihm ein Chip in die Wirbelsäule eingesetzt worden. Mit Djamals Hilfe will er wieder auf die Beine kommen; aber sein Körper hat vergessen, wie das Gehen geht. 

Die Handlung ist abwechslungsreich, das Ensemble ist gut geführt, doch davon abgesehen entspricht die Inszenierung durch Petra K. Wagner – "Unter Druck" ist ihre erste Arbeit für die Reihe –dem soliden Freitagsfilm-Durchschnitt. Die Regisseurin hat nach einigen zum Teil mystisch angehauchten Filmen für den Hessischen Rundfunk zuletzt unter anderem fürs ZDF die sympathische "Herzkino"-Romanze "Alice im Weihnachtsland" und davor für die ARD mit "Martha & Tommy" (beide 2021) ein berührendes und vorzüglich gespieltes Drama mit Senta Berger gedreht.

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