TV-Tipp: "Liberame – Nach dem Sturm"

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5. September, ZDF, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Liberame – Nach dem Sturm"
"Urlaub auf dem Massengrab": Die Bemerkung klingt zynischer, als sie gemeint ist. Einer der Beteiligten will damit zum Ausdruck bringen, dass er einen Segeltörn im Mittelmeer, wo in den  letzten zwei Jahrzehnten Tausende ertrunken sind, für ziemlich fragwürdig hält.

Mitgekommen ist er trotzdem, und prompt ist die Gruppe rund um den Hamburger Werfbesitzer Jan Garbe (Friedrich Mücke) auf ein Boot mit Flüchtlingen gestoßen. Das Ereignis liegt allerdings bereits einige Jahre zurück. Erst nach und nach gibt das Drehbuch (Astrid Ströher, Marco Wiersch) preis, was damals vorgefallen ist. Diese Geheimniskrämerei wirkt mitunter bemüht, zumal die sechsteilige ZDF-Serie "Liberame – Nach dem Sturm" auch innerhalb der Rückblenden Zeitsprünge macht, erhöht aber tatsächlich die Spannung. Weil die Ereignisse im Verlauf der Befragung durch eine Kommissarin (Stephanie Japp) aus den unterschiedlichen Perspektiven geschildert werden, kommt es zudem immer wieder zu Ergänzungen, die der Geschichte mehrfach eine überraschende Wendung geben und gegen Ende, als die Dinge endgültig eskalieren, schockierende Wahrheiten offenbaren. Die Rahmenhandlung in der Gegenwart entwickelt sich dagegen mehr und mehr zu einem vor allem in emotionaler Hinsicht facettenreichen Drama. 

Auf den ersten Blick wirken die Garbes wie eine glückliche vierköpfige Familie: Vater, Mutter, zwei Kinder. Tochter Elly (Mina-Giselle Rüffer) testet ihre Grenzen, aber das ist in diesem Alter ganz normal: Elly ist 15. Der schöne Schein löst sich jedoch alsbald in Wohlgefallen auf: Die Werft steht vor der Pleite, Jan hat eine Affäre, und Gattin Caro (Johanna Wokalek) gesteht ihm, dass sie nach dem Segeltörn Sex mit dem anschließend in die USA geflohenen Daniel (Marc Benjamin) hatte, dem Freund von Jans Schwester Fiona (Natalia Belitski). Zu allem Überfluss droht der Segelgruppe eine Gefängnisstrafe: Die beiden Paare waren damals mit der befreundeten Anwältin Helene (Ina Weisse) auf Jans Jacht "Liberame" unterwegs. Eines Tages hat ein Flüchtlingsboot ihre Route gekreuzt. Weil das Schiff einen Motorschaden hatte, haben sie es ins Schlepptau genommen. In der Nacht ist ein Sturm aufgekommen; am nächsten Morgen war das Boot verschwunden. Jetzt hat einer der syrischen Überlebenden Jan zufällig wiedererkannt: Taxifahrer Ismail Sabia (Mohamed Achour) will Gerechtigkeit für den Tod seiner ertrunkenen Tochter und erstattet Anzeige; der Gruppe droht eine Anklage wegen unterlassener Hilfeleistung. Die Ermittlungen werden zwar schließlich eingestellt, aber damit ist die Sache für Sabia, seinen Bruder Bilal (Tariq Al-Saies) und den Nigerianer Akono (Emmanuel Ajayi), der im Mittelmeer seinen Vater verloren hat, noch lange nicht erledigt. 

Konzeptionell mag der Reiz der trotz einer Dauer von 270 Minuten sehr dicht erzählten Serie (Regie: Adolfo J. Kolmerer) in der verschachtelten Struktur liegen, aber ihre große Qualität resultiert aus dem Dilemma der Reisegruppe, auf das sich die Rückblenden zunehmend konzentrieren: Als klar wird, dass das mit 35 Menschen allen Alters völlig überfüllte Boot hilflos auf dem Meer treiben wird, diskutiert das Quintett, wie es sich nun verhalten soll; Jans Hilferuf per Funk bleibt unbeantwortet, weil sich die italienische Küstenwache offenbar taub stellt. Laut Seerecht ist die Segelgemeinschaft zur Hilfe verpflichtet, aber wenn sie das Boot in einen italienischen Hafen schleppt, wäre das Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Die Flüchtlinge ihrem Schicksal zu überlassen, kommt aus Gründen der Humanität auch nicht in frage. Mütter, Kinder und Kranke an Bord holen? Dann würde der Proviant nicht für alle reichen. 

Der Mikrokosmos spiegelt somit perfekt die europäische Debatte im Umgang mit Geflüchteten wider, und vermutlich würden sich viele Menschen freuen, wenn sich das vermeintliche "Problem" auf ähnliche Weise in Luft auflösen würde wie in dieser Serie, als das Boot über Nacht verschwindet. Aber nun, Jahre später, konfrontieren die Überlebenden den Freundeskreis mit dem Vorwurf, jemand habe das Schlepptau durchgeschnitten. Buch und Regie verzichten jedoch darauf, die Geschichte fortan als Krimi zu erzählen. "Liberame" (im religiösen Sinn "Erlöse mich", so benannt nach dem Namen der Segeljacht) bleibt ein Drama, zumal sich schließlich rausstellt, dass sämtliche Beteiligten Geheimnisse hüten und kaum jemand frei von Schuld ist; auch die Kinder nicht. 

Regisseur Kolmerer, gebürtiger Venezolaner, hat nach den Kinokomödien "Schneeflöckchen" und "Abikalypse" fürs ZDF zuletzt einige Folgen der ähnlich intensive Serie "Sløborn" (2020) gedreht und zeigt nun erneut, wie vorzüglich er ein Ensemble zu führen weiß. Das gilt auch und gerade für die Jugendlichen: Shadi Eck (als Sohn der Sabias) hat schon in der Kika-Serie "Mysterium" überzeugt, Mina-Giselle Rüffer ist eine der Hauptdarstellerinnen der Webserie "Druck" (funk), die ohnehin eine echte Talentschmiede ist. Aber "Liberame" ist auch sonst in jeder Hinsicht sehenswert; schon der Vorspann ist ein kleines Kunstwerk. Die Bilder haben Kinoqualität, die Meerszenen nach dem Kentern des Flüchtlingsboots sehen beklemmend echt aus. Sehr besonders ist auch die Musik (Roman Fleischer, Tim Schwerdter), die sich meist im Hintergrund hält, an den richtigen Stellen aber kraftvoll präsent wird. Das ZDF zeigt heute und Mittwoch jeweils drei Folgen. 

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