Khorchide verurteilt Ausgrenzung und Gewalt

Portrait von Prof. Mouhanad Khorchide

© Guido Kirchner/dpa

Der islamische Theologe Prof. Mouhanad Khorchide von der Universität Münster hatte wegen seines liberalen Religionsverständisses selbst Morddrohungen erhalten. Das Rushdie-Attentat führt ihm vor Augen, was in der islamischen Community fehlt.

Rushdie-Attentat und Islamismus
Khorchide verurteilt Ausgrenzung und Gewalt
Das Attentat auf den Autor Salman Rushdie in New York weckt beim islamischen Theologen Mouhanad Khorchide Erinnerungen an eigene Morddrohungen. Im Interview mit evangelisch.de sagt der Münsteraner Professor, was das Attentat bei ihm ausgelöst habe und welchen Umgang mit Religionskritik er in der muslimischen Community beobachtet.

Seit 10 Jahren erhält der islamische Theologe Mouhanad Khorchide von der Universität Münster immer wieder Morddrohungen wegen seiner liberalen Position im Islam. Im Gespräch mit evangelisch.de äußert er sich, was das Attentat auf Salman Rushdie in ihm ausgelöst hat und welche Hoffnungen und Wünsche er hat.

Mouhanad Khorchide lebt seit zehn Jahren unter Polizeischutz. Seitdem er 2012 sein Buch "Islam ist Barmherzigkeit" veröffentlich hat, erhält er Morddrohungen. Die letzte erst vor einer Woche. Das Attentat auf Salman Rushdie ging dem islamischen Theologen sehr nahe. "Ich war erschüttert über die Wirkmacht von Hass, dass ideologischer Hass so viel anrichten kann", sagt er. Jemand wie der Schriftsteller Rushdie, der immer mehr an den Frieden geglaubt habe, so dass er in den vergangenen Jahren auf den Polizeischutz verzichtet habe und nun am eigenen Leib kennen lernen musste wie mächtig der Hass sei.

Khorchide ist zwar kein Literat, er schreibt theologische Bücher über den Islam, wie er seine Religion verstehe und interpretiere. Eben liberal. Er sagt, "die Angst, die man sonst verdrängt, wird durch so ein Attentat wieder auf die Tagesordnung gerufen".

Auch er verdränge die Angst und die Morddrohungen. Er halte viele öffentliche Vorträge. In den letzten Monaten habe er der Polizei gesagt, dass er sich sicher fühle und keinen Polizeischutz mehr brauche. Aber die Polizei hätte auf den Schutz bestanden. Für den islamischen Theologen sei es wichtig, dass man dieser Angst aufgrund der Bedrohungen nicht erliegt. Dass man der Angst nicht in irgendeiner Weise nachgibt. Denn das wollen diese Menschen, die andere einschüchtern. "Die wollen einen mundtot machen, so dass man aufhört, seine Positionen zu äußern". Umso wichtiger sei es dann "nach vorn zu schauen, weiterzumachen und nicht aufzuhören", sagte der 50-Jährige. 

"Argumente müssen das letzte Wort sprechen, nicht die Fäuste und nicht die Gewalt"

Auch Khorchide kennt die Plattformen, auf denen Kommentare und Hassbotschaften gegen liberale Muslime ausgesprochen werden. Es gebe viele solcher Treffpunkte in den Social Media-Kanälen. Immer wieder lese er dort, wie nicht Argumente den Diskurs bestimmten, sondern Fäuste und Attacken. Auch gegen ihn persönlich werde dort gehetzt. Das sei "eigentlich ein Armutszeugnis". Denn das zeige, dass die Fundamentalisten keine Argumente hätten, sonst könnten sie die ja formulieren. "Wo keine Argumente da sind, versucht man mit sprachlicher oder physischer Gewalt zu eliminieren", sagt der Münsteraner Professor. Dennoch solle man sich nicht beirren lassen und weiter den argumentativen Diskurs stärken. "Argumente müssen das letzte Wort sprechen, nicht die Fäuste, nicht die Gewalt."

In Deutschland sei muslimisch-liberales Engagement sehr unterschiedlich. Manche hätten seiner Ansicht nach aufgehört sich zu positionieren, andere meldeten sich verstärkt zu Wort, um zu zeigen, dass man sich nicht einschüchtern lasse. Auch Khorchide habe deshalb weiter Bücher geschrieben, um seine Position über den Islam als Religion der Freiheit und des Friedens zu etablieren. Es reiche ja nicht aus, wenn der Verfassungsschutz Gruppierungen beobachte und manche verbiete. Es brauche auch einen geistigen Kampf gegen die fundamentalistische Ideologie selbst. Khorchide beklagt, dass es an Bewusstsein fehle: das Problem beginne nicht erst, wenn Gewalt angewendet werde. Sondern es seien eben menschenfeindliche Positionen im Namen des Islam, die zum Spalten und Hetzen herausgegriffen werden. So habe auch der 24-jährige Attentäter aus den USA offenbar bei einer menschenfeindlichen Ideologie angedockt. Obwohl die Fatwa noch vor seiner Geburt ausgesprochen wurde.  

Menschenfeindlich, darunter versteht der Theologe nicht nur, dass sich Menschen herausnehmen, Gewalt gegen Andersdenkende oder Andersgläubige auszuüben, sondern dass sie im Namen Gottes Ausgrenzungen und Selbstüberhöhung oder sogar Mordaufrufe aussprechen  – das sei mit seinem Verständnis eines barmherzigen Gottes nicht vereinbar. Das fundamentalistische Gedankengut begegne aber nicht allein im gewalttätigen Fundamentalismus. Daher reiche es nicht, den Salafismus, den Jihadismus, den Islamismus nur zu kritisieren. Man müsse früher ansetzen: im Religionsunterricht, an islamischen Fakultäten an der Uni, in den Moscheen oder in der Jugendarbeit. "Wir müssen Alternativen bieten, nicht nur den Islamismus kritisieren, sondern ein Alternativverständnis des Islams etablieren", sagt er.

Khorchide persönlich hätte sich mehr Solidarität mit dem Schriftsteller Rushdie gewünscht, auch nach dem Attentat, insbesondere von Muslimen. Doch liberale Muslime würden immer wieder als islamophob, als Islamhasser oder als Islamkritiker abgestempelt, nur weil sie Kritik an ihrer eigenen Religion übten. Dabei sei in einer liberalen pluralen Gesellschaft die Kritikfähigkeit unerlässlich. Und Selbstkritik kann auch in Reformen münden, wenn man traditionelle Positionen kritisch hinterfragt – und das tun ja liberale Muslime. Doch dann gelten sie eher als Störfaktor, weil sie auf Probleme hinweisen. Die islamische Community und auch die Mehrheitsgesellschaft will aber Probleme lieber nicht ansprechen und verdrängen. Und so gelten Reformer und Liberale aus Sicht Khorchides schnell als Häretiker. 

Gewaltaufrufe in heiligen Schriften entschärfen 

Nun stehe es an, Lösungen zu finden, wie man mit Gewaltstellen in den heiligen Schriften umgeht. Khorchide wünscht sich, dass Muslime und Christen diese Aufgabe gemeinsam angehen. Auch Christen müssten sich fragen, wie man mit identitären Positionen in den eigenen Reihen umgeht. Der Theologe betont, es gehe nicht darum sich gegenseitig zu beschuldigen oder das Problem nur beim anderen zu sehen. Vielleicht wäre es hilfreich, wenn die Kirchen "viel stärker auf liberale Stimmen unter den Muslimen zugehen und sie unterstützen". Denn diese versuchten den Islam von innen zu reformieren. Eine ähnliche Entwicklung hätten die Kirchen schließlich auch durchgemacht. 

Doch der Weg dorthin sei lang. Bisher beobachte er, dass die muslimische Community stark in einem Opferdiskurs verfangen sei. Viele protestierten oder gehen auf die Straße, wenn sie glauben, dass sie als Opfer des Westens dastehen. Aber innerhalb der muslimischen Reihen, wenn liberale Muslime angegriffen oder Anschläge auf sie verübt werden, da ist Mouhanad Khorchide nicht so optimistisch, dass für liberale Muslime demonstriert oder Solidarität geübt wird. Wenn aber liberale Muslime keine Initiativen hinter sich hätten, dann sei es umso wichtiger, dass sich die Gesellschaft mit ihnen solidarisiere. 

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