"Krise fordert mehr Solidarität und Nachhaltigkeit"

Puzzel der Erde aus vier Teilen

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Laut Landessozialpastor Matthias Jung stellt die aktuelle Krise uns vor Fragen nach sozialer Gerechtigkeit und Verantwortung des Gemeinwesens für die Schwächsten und nach dem Umgang knapper werdenden Ressourcen.

Landessozialpastor sieht Chancen
"Krise fordert mehr Solidarität und Nachhaltigkeit"
Der Landessozialpastor der hannoverschen Landeskirche, Matthias Jung, sieht die aktuelle Energiekrise als Anstoß, neu über eine solidarische, zukunftsfähige Gesellschaft nachdenken: "Die Krise fordert uns auf vielen Ebenen heraus: Sie stellt Fragen nach sozialer Gerechtigkeit, nach der Verantwortung des Gemeinwesens für die Schwächsten unter uns und nach unserem Umgang mit immer knapper werdenden Ressourcen."

Der evangelische Theologe sagte dem epd, um diese Fragen erfolgreich zu beantworten, bedürfe es mutiger Visionen für eine bessere Zukunft. "Zeiten der Krise sind immer auch Zeiten, in denen wir uns vergegenwärtigen sollten, wofür wir eigentlich leben, welche Welt wir kommenden Generationen hinterlassen wollen."

Jung betonte, dass sich viele Herausforderungen der Energiekrise durch den von Menschen verursachten Klimawandel schon seit Längerem stellten, bislang aber nicht konsequent genug angegangen worden seien. "Das ist einerseits bitter, aber darin liegt nun auch eine Chance", sagte der Sozialpastor der Evangelischen-lutherischen Landeskirche Hannovers. "Jetzt sind wir als Gesellschaft gezwungen, zügig zu reagieren. Hoffentlich stellen wir nun auf allen Ebenen Weichen in Richtung Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung - von der Wirtschaft bis hinein in unsere privaten Lebens- und Konsumgewohnheiten."

Zugleich unterstrich Jung, dass steigende Energie- und Lebenshaltungskosten sowie die im Oktober in Kraft tretende Gasumlage die Menschen höchst unterschiedlich belasteten: "In der jetzigen Krise wird überdeutlich sichtbar, was auch vorher schon eine traurige Tatsache war: Die soziale Schere geht immer weiter auseinander." Millionen Menschen stünden angesichts drastischer finanzieller Mehrbelastungen mit dem Rücken zur Wand.

Bei den bislang diskutierten Entlastungen sei unklar, ob sie tatsächlich denjenigen zugutekommen, die durch steigende Preise drastisch belastet sind. "Dafür zu sorgen, dass diese Menschen nicht durch die Maschen fallen, muss bei den politischen Entscheidungen Priorität haben - auch, wenn dazu neu über eine Verteilung von Gütern und Lasten in unserer Gesellschaft verhandelt werden muss", forderte Jung.

Der Landessozialpastor regte an, dass sich Kirchengemeinden und kirchliche Einrichtungen vor Ort in Zeiten des Wandels und der Suche nach neuer Orientierung stärker für gesellschaftliche Gruppen und Anliegen von Menschen öffnen. "Auch wenn unsere Möglichkeiten begrenzt sind, den Menschen durch die Krise zu helfen: Sie brauchen Räume zur Begegnung und zum Dialog. Wir können unsere Kirchen und Gemeindehäuser offenhalten, um Anlaufpunkte für Austausch und gegenseitige Hilfe zu bieten."

Jung sagte, er selbst wende sich in schwierigen Zeiten verstärkt der Bibel zu - und stoße dabei immer wieder auf teils überraschende Stellen, die gut in die Zeit passten. Ihn bewege gerade ein Wort aus dem Buch der Sprüche, auf das er zufällig gestoßen sei: "Wenn ein Volk keine Vision hat, dann verwildert es." In diesen wenigen Worten sei viel Wucht zu spüren, sagte der Theologe.

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