TV-Tipp: "Erzgebirgskrimi: Tödliche Abrechnung"

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13. August, ZDF, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Erzgebirgskrimi: Tödliche Abrechnung"
"Tödliches Garn" lautete der Arbeitstitel dieses sechstes "Erzgebirgskrimis". Das klingt wesentlich rätselhafter als der Allerweltstitel "Tödliche Abrechnung", der zu mindestens jedem zweiten Krimi passen würde.

Aber das ist bloß eine Nebensächlichkeit im Vergleich zu einer ganz anderen Frage. Die im Februar ausgestrahlte letzte Episode der Reihe war die bislang mit Abstand beste: weil dem Autorenduo Leo P. Ard und Jörg Lühdorff mit "Verhängnisvolle Recherche" die clevere Kombination eines aktuellen Falls mit dem Jugendtrauma des Chemnitzer Kripo-Kommissars Winkler (Kai Scheve) gelungen ist. Diese Ebene hatte sich durch alle Filme gezogen: Die Freundin des Polizisten ist einst bei einem Autounfall gestorben, aber damals wollte ihm niemand glauben, dass ein zweites Fahrzeug beteiligt war. Nicht nur die Krimistory war klasse, auch die Umsetzung lag deutlich über dem bisherigen Niveau der Reihe. Daran muss sich die sechste Episode natürlich messen lassen, und prompt zeigt sich, dass die Handlung ohne die persönliche Betroffenheit Winklers gehörig an Reiz einbüßt: weil er nun bloß noch ein Ermittler wie viele andere ist, selbst wenn er sich gegenüber der jungen Kollegin Szabo (Lara Mandoki) äußerst zugeknöpft gibt, was sein Innenleben angeht.

Bei den ersten vier Filmen hat Produzent Rainer Jahreis das Drehbuch gemeinsam mit dem erfahrenen Leo P. Ard (alias Jürgen Pomorin) geschrieben, diesmal ist er allein dafür verantwortlich. Auch nun gibt es wieder zwei Ebenen, aber wer darauf wartet, dass sie sich zum Finale vereinigen, wartet vergebens: Die Erlebnisse von Försterin Saskia Bergelt (Theresa Weißbach), die auf ungewöhnliche Weise gezwungen wird, sich mit ihrer Vergangenheit zu befassen, haben nichts mit den eigentlichen Ermittlungen zu tun. Die wiederum bieten die übliche Motivmischung aus Habgier und Eifersucht: Als Saskias Vater (Andreas Schmidt-Schaller) einige Jagschein-Azubis durch den Wald führt, wird die Gruppe Zeuge eines Kletterunfalls. Die Untersuchung der Leiche durch die neue Rechtsmedizinerin Elena Kulikova (Masha Tokareva) offenbart jedoch Unstimmigkeiten: Das Opfer ist gewissermaßen mehrfach gestorben; es lebte zudem längst nicht mehr, als es den Berg runterstürzte. Der Tote entpuppt sich als Forschungsgenie: Lenhard Hellmann (Robin Sondermann) hat eine bahnbrechende Entdeckung in der Textilforschung gemacht und damit bei seinen Geschäftspartnern große Begehrlichkeiten geweckt. Außerdem hat er auf drei Hochzeiten gleichzeitig getanzt, was den Kreis der Verdächtigen nochmals erweitert. 

Die Krimihandlung ist durchaus interessant und mit unter anderem Julia Hartmann, Sophie von Kessel und Jörg Pose als Verdächtige auch gut besetzt, aber das komplizierte Beziehungsgeflecht entspricht letztlich dem handelsüblichen Konglomerat; inklusive des bewährten Versatzstücks, dass ein Hauptverdächtiger seinerseits ermordet wird. Deshalb ist die Ebene mit der Försterin spannender: Eines Morgens macht Saskia in der Scheune des Forsthauses eine seltsame Entdeckung. Ein unbekannter Eindringling hat Spuren gelegt, die die verschüttete Erinnerung an ein Ereignis Mitte der Achtziger wecken. Die entsprechenden Rückblenden sind in Sepia getaucht, was sie wie uralte vergilbte Fotografien wirken lässt. Die Krimihandlung enthält ein ähnliches Stilmittel, hier sind die Bilder allerdings in kühlem Grauweiß gehalten. Und es gibt wie einst in "Schindlers Liste" einen roten Farbklecks: den Pullover, dessen spezielle Wolle eine der drei verdächtigen Frauen erheblich belastet. 

Marcus Ulbricht hat zuletzt fürs ZDF zwei Folgen der Krimiserie "Jenseits der Spree" (2021, mit Jürgen Vogel) sowie Beiträge zu verschiedenen Reihen gedreht. Seine wenig überraschende Inszenierung bietet solides Handwerk, auch wenn die Führung der Ensemblemitglieder nicht immer geglückt ist, zumal sich Winkler und Szabo viel zu oft gegenseitig erzählen müssen, was das Publikum längst selbst herausgefunden hat. Deutlich besser ist die Krimimusik von Mario Lauer, die immerhin für eine gewisse Spannung sorgt. Reizvoll wie stets sind auch die regionalen Bezüge, etwa zur Chemnitzer Vergangenheit als "Manchester des Ostens". Das Textilforschungsinstitut an der TU Chemnitz, von dem Lenhard seinen Forschungsauftrag erhalten hat, ist ebenso authentisch.

Ein Hingucker ist schließlich die Geyersche Binge, an der der Forscher vermeintlich in den Tod gestürzt ist. Einen Bezug zur einheimischen Sagenwelt gibt es auch: Die Zeichen des mysteriösen Eindringlings enthalten Hinweise auf die Geschichten über verlorene Kinderseelen, die als hilfsbereite kleine Gespenster ihr Wesen treiben.

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