TV-Tipp: "Das Leben meiner Tochter"

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20. Juli, Arte, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Das Leben meiner Tochter"
"Wie würden Sie entscheiden?" hieß einst ein Klassiker im ZDF. Die Gerichtsshow stellte echte Prozesse nach. Vor der Urteilsverkündung wurde die Verhandlung unterbrochen, damit das Studiopublikum sein Votum abgeben konnte. Bei dem Drama "Das Leben meiner Tochter" kann zwar niemand abstimmen, aber die Anteilnahme funktioniert ganz ähnlich, denn die Zuschauer werden sich die gleiche Frage stellen: Wie würde ich mich verhalten, wenn ich an der Stelle des Vaters wäre?

Steffen Weinert (Buch und Regie) erzählt in seinem zweiten Langfilm die Geschichte einer Familie, deren unbeschwertes Glück aus heiterem Himmel zerstört wird. Der Absturz beginnt harmlos: Bei einem Ausflug wird der achtjährigen Tochter Jana schlecht; kein Grund zur Beunruhigung. Doch dann kriegt sie plötzlich keine Luft mehr, Atmung und Puls setzen aus. Es gelingt dem Notarzt zwar, das Mädchen zu reanimieren, aber im Krankenhaus müssen Micha und Natalie Faber (Christoph Bach, Alwara Höfels) eine niederschmetternde Nachricht verdauen: Jana hat eine Herzmuskelentzündung; das Herz bringt nur noch zwanzig Prozent seiner Leistung.

Die Ärztin (Barbara Philipp) will zwar versuchen, die Krankheit mit Medikamenten in den Griff zu bekommen, aber die Eltern spüren: Große Hoffnungen hat sie nicht. Jana braucht ein neues Herz; bis dahin wird sie an eine Maschine angeschlossen. Statistisch werde es acht Monate dauern, bis sich ein Spender gefunden hat. Dann folgen eine Schwarzblende und die lakonische Einblendung "Ein Jahr später". 

Im Grunde ist der gesamte erste Akt bloß der Prolog des Films, denn nun konfrontiert Weinert seine Protagonisten und somit auch die Zuschauer mit dem eigentlichen Konflikt. Micha ist bei Recherchen im Internet auf eine Organisation gestoßen, die Organe vermittelt. In Deutschland ist das illegal, und die Ärztin rät dringend davon ab, aus medizinischer, aber auch aus moralischer Sicht; es gebe Gründe, von denen die Eltern lieber nichts wissen möchten, deutet sie düster an.

Natalie schließt sich dieser Sichtweise an, obwohl Janas Lebenserwartung auch mit maschineller Unterstützung nur achtzehn Monate umfasst; und zwölf sind schon vorbei. Als das Mädchen einen leichten Schlaganfall hat, willigt Natalie ein, dass sich Micha in Bukarest mit einem Vermittler (Erik Madsen) trifft. Der Mann macht einen gleichermaßen sympathischen wie seriösen Eindruck. Er sagt, die Organisation habe ein europaweites Netzwerk. Wenn irgendwo ein Kind etwa nach einem Verkehrsunfall als Organspender in frage komme, mache man der Familie ein lukratives finanzielles Angebot.

Micha leistet 50.000 Euro Anzahlung auf die Gesamtsumme von 250.000 Euro und kehrt zuversichtlich wieder heim, doch Natalie sind zwischenzeitlich neue Zweifel gekommen. Als ihr Mann die Information erhält, dass es ein Spenderherz für Jana gebe, trifft er eine Entscheidung.

Weinerts Debüt war "Finn und der Weg zum Himmel" (2012), eine Komödie über einen erwachsenen jungen Mann (Jacob Matschenz) mit dem Gemüt eines Kindes; der Film ist wie "Das Leben meiner Tochter" für den SWR entstanden und war so schön, dass es mitunter fast weh tat. Weinerts zweite Regiearbeit ist ebenfalls ein Werk, das niemanden kalt lassen wird. Das hat nicht nur mit dem Gewissenskonflikt, sondern vor allem mit den realitätsnah entworfenen Figuren zu tun, zumal die drei Hauptdarsteller sie mit sehr viel Leben füllen.

Die größte Anerkennung gebührt Weinert für die Führung der jungen Maggie Valentina Salomon: Das Mädchen ist schlicht grandios. Dabei ist die Rolle nicht einfach: Während sich Micha nicht mit dem Unvermeidlichen befassen will, hat sich Jana in der Klinikbücherei ein Kinderbuch über den Tod besorgt. Die Dialoge der beiden bergen dem tragischen Thema zum Trotz sogar eine gewisse Komik, weil die Tochter ihrem Vater nicht nur auf Augenhöhe begegnet, sondern sich in gewisser Hinsicht als klüger erweist. Gleichzeitig bleibt sie dennoch Kind.

Die Qualität des Drehbuchs, das Weinert auch um sinnvolle Nebenebenen ergänzt (etwa über die Schwierigkeit, die 200.000 Euro zusammenzukratzen), zeigt sich nicht zuletzt an der Besetzung. Neben den prominenten Hauptdarstellern konnte er auch für kleine bis winzige Rollen namhafte Mitwirkende gewinnen (Marleen Lohse als Natalies Freundin, André M. Hennicke als deutscher Arzt in Bukarest).

Es sind jedoch die Jüngsten, die abgesehen vom lakonischen Epilog für die berührendsten Momente des Films sorgen. In den Gesprächen von Jana und ihrer besten Freundin Maria geht es ebenfalls um den Tod, aber die Dialoge wirken nie gespielt oder aufgesetzt, zumal Weinert sie sehr glaubwürdig eingefädelt hat. Einmal spielen die beiden "Familien-Memory": Die Karten zeigen Janas Angehörige, die zum Teil nicht mehr leben. Später versichert Maria: Wenn ihr was zustoßen sollte, würde sie der Freundin natürlich ihr Herz spenden; das geht direkt unter die Haut. Zara-Rachel Schöneck macht ihre Sache ebenfalls famos. 

Trotzdem lebt die Geschichte in erster Linie von der inneren Partizipation, erst in Form von Mitgefühl, dann bei dem moralischen Dilemma, das die beiden Elternteile repräsentieren: Micha will nicht tatenlos zuschauen, wie Jana stirbt; Natalie sagt, es fühle sich "nicht richtig an, ein Organ zu kaufen." Außerdem will sie auf keinen Fall das Risiko eingehen, dass ein anderes Leben endet, damit ihre Tochter weiterleben kann. Wie würden Sie entscheiden? 

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