TV-Tipp: Tatort "Flash"

Fernseher vor gelbem Hintergrund

© Getty Images/iStockphoto/vicnt

19. Juni, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: Tatort "Flash"
In Krimis sind die Ermittler und das Publikum oft auf dem gleichen Stand der Ermittlungen. Manchmal hat das Publikum einen Info-Vorsprung. Hier jedoch gibt es einen doppelten Boden. Und das ist im Film besonders gelungen.

Geschichten mit einem doppeltem Boden oder sogar noch einer dritten Ebene bereiten ein besonderes Vergnügen. Derartige Konstellationen erfordern jedoch ein besonderes Geschick: von der Regie, die stets um den Knüller herum inszenieren muss, aber auch von den Autorinnen und Autoren, denn das Konstrukt muss selbstredend plausibel sein. In diesem Fall werden erfahrene Krimifans dem bewährten Drehbuchduo Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser, zu deren vielen gemeinsamen Arbeiten unter anderem die Schöpfung der ARD-Krimireihe "Wolfsland" gehört, zwar kurz nach der Hälfte des Films auf die Schliche kommen, aber das lässt sich verschmerzen: Es ist schließlich durchaus befriedigend, wenn sich das eigene Gespür als zutreffend erweist. 

Ähnlich wie in "Dreams" (2021) wollen sich Leitmayr und Batic (Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec) die Erkenntnisse der Psychologie für ihre Arbeit zunutze machen. Damals ging es um Träume, die derart realistisch sind, dass die Betroffenen Traum und Wirklichkeit verwechseln. In "Flash" unternehmen sie eine Reise in die Vergangenheit, um einen Mord aus dem Jahr 1987 aufzuklären. Auf dieser Zeitebene beginnt der Film auch, mit schwarzweißen Bildern und einer toten Frau am Isarufer.

In der Gegenwart besuchen die Münchener Kommissare ein Institut, das sich der Demenzforschung verschrieben hat: In der Hoffnung, dem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, rekonstruieren Ralph Vonderheiden (André Jung), Professor für Neuropsychologie, und seine rechte Hand, Laura Lechner (Anna Griesebach), die früheren Lebensumgebungen und Wirkungsstätten dementer Menschen. Im Fall von Norbert Prinz (Martin Franke) ist dies die Praxis. Der Doktor war eine Koryphäe auf seinem Gebiet und Psychotherapeut von Alois Meininger (Martin Leutgeb), der 1987 mit seiner Hilfe als Mörder der jungen Frau überführt worden ist. Nach über dreißig Jahren ist Meininger mit guter Prognose entlassen worden, aber anscheinend hat er erneut gemordet; die Tatsignatur ist jedenfalls identisch.

Leitmayr und Batic glauben, dass sich Meininger in sein "Bunker" genanntes Refugium zurückgezogen hat. Im Gegensatz zur Polizei kannte Prinz dieses Versteck, aber der alte Mann lebt längst in einer eigenen Welt, zu der nicht mal seine Tochter Nele (Jenny Schily) Zutritt findet. Vonderheiden soll die Kommissare mit Hilfe seiner "Reminiszenztherapie" dabei unterstützen, sich gemeinsam mit dem Doktor auf eine Zeitreise in dessen Erinnerungen zu begeben. Der Professor ist zwar skeptisch, ob das klappt, denn "das Gehirn ist ein launischer Geselle", aber er findet ohnehin bald heraus, dass es bei der Gedächtnisreise um etwas anderes geht: Leitmayr und Batic verdächtigen Prinz anscheinend, die junge Frau selbst ermordet und dann die Tat seinem Patienten untergeschoben zu haben. Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit.

Regie führte der vierfache Grimme-Preisträger Andreas Kleinert, dessen Krimis meist aus dem Rahmen fallen: weil er mehr Wert auf psychologische Dichte als auf vordergründige Spannung legt. Das Thema Demenz hat er bereits in seinem überaus bewegenden und mehrfach ausgezeichneten Alzheimer-Drama "Mein Vater" (2003) mit Götz George und Klaus J. Behrendt behandelt. "Flash" – der Titel bezieht sich auf einen legendären Club, in dem der Täter 1987 auf sein Opfer getroffen ist – macht zwar keinen Hehl daraus, wie anstrengend die Pflege eines Demenzkranken ist, aber dennoch ist Prinz auch dank der vielschichtigen Verkörperung durch Peter Franke eine sehr berührende Rolle.

Gleiches gilt für den verurteilten Mörder: Über weite Strecken wirkt der von Martin Leutgeb weitgehend stumm dargestellte Mann wunderlich und unberechenbar, um sich schließlich als tragische Figur der Geschichte zu offenbaren. Sehr sympathisch sind auch die Details, die wenig mit der Handlung, aber viel mit der freundschaftlich-kollegialen Beziehung der Kommissare zu tun haben, etwa ein von Batic liebevoll kredenzter Teller mit Apfelschnitzen und Plätzchen. Interessant ist zudem die Idee, einzelne Figuren durch Musik zu charakterisieren, Nele Prinz zum Beispiel durch Stücke von Miles Davis. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Demenzforschung sind ohnehin faszinierend. 

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