TV-Tipp: "Das Ende der Geduld"

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15. Juni, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Das Ende der Geduld"
Die ersten Bilder sind harmlos. Auf der Berliner Fanmeile feiert das Land einen Sieg bei der Fußball-WM 2010 in Südafrika. Unbemerkt geht eine Frau inmitten des Trubels davon. Kurz darauf wird die Polizei sie im Wald finden.

Sie hat sich das Leben genommen. Die Tote war die bundesweit bekannt gewordene Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig, die sich mit großem persönlichem Engagement für eine Reform des Jugendstrafrechts eingesetzt hat. Sie wollte dafür sorgen, dass Dienstwege abgekürzt werden, damit Jugendliche für ihre Vergehen umgehend bestraft werden und nicht erst eineinhalb Jahre später. Die Strafe sollte erzieherische Wirkung zeigen und einen Erkenntnisprozess in Gang setzen. 

"Das Ende der Geduld" heißt das Sachbuch, in dem die Juristin ihre Ansichten dargelegt hat; es war ein Überraschungsbestseller. Stefan Dähnert (Buch) und Christian Wagner (Regie) haben den Titel für ihren Film (eine Wiederholung aus dem Jahr 2014) übernommen. Die Handlung orientiert sich an den Tatsachen, hat sie aber verdichtet und fiktionalisiert. Die Hauptfigur heißt nun Corinna Kleist, doch es steht außer Frage, wen Martina Gedeck in Wirklichkeit verkörpert; auch dank ihres intensiven Spiels ist dieses Drama ein filmisches Denkmal für Kirsten Heisig. Trotzdem betreiben Dähnert und Wagner keine distanzlose Huldigung. Das wird schon allein durch die Idee verhindert, einen Kollegen der Richterin zu Beginn und am Schluss als Erzähler fungieren zu lassen: Herbert Wachowiak, von Jörg Hartmann quasi auch in der Körpersprache als sozialliberaler Jurist verkörpert, steht den Ideen Heisigs zunächst ausgesprochen skeptisch gegenüber.

 

Davon abgesehen vermittelt der Film nicht zuletzt dank seiner vielen düsteren Bilder eine alles andere als ermunternde Botschaft. Das beginnt schon mit dem Auftakt der langen Rückblende, der gewissermaßen das Vorzeichen setzt: Die Richterin redet einem Punkmädchen, das in ihrem Gerichtsaal Stammgast ist, ins Gewissen. Die junge Frau revanchiert sich mit einem melancholischen Gedicht, in dem unter anderem von Blättern im Sturm die Rede ist. Mathilde Bundschuh besteht in diesem Moment fast nur aus ihren riesigen traurigen Augen; es gibt keinerlei Zweifel, auf wen diese Blätter gemünzt sind. Das Mädchen verlässt den Saal, öffnet ein Fenster und springt in den Tod. Corinna Kleist nimmt sich eine sechsmonatige Auszeit und stürzt sich mit frischen Kräften in ihre neue Arbeit in Neukölln; und damit begibt sich der Film auf extrem dünnes Eis. 

Allen Beteiligten wird bewusst gewesen sein, dass sie Beifall von der falschen Seite bekommen werden, denn streckenweise klingen die Dialoge nun, als habe Thilo Sarrazin am Drehbuch mitgewirkt. Ein Polizist fährt die Richterin durch ihren Bezirk und zeichnet ein Weltbild, dass viele Vorurteile verstärken wird; und das nicht nur wegen der Kriminalstatistiken der Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Zunächst aber wechselt der Film unvermittelt das Genre: Mit einer tödlich endenden Verfolgungsjagd quer durch den Kiez zeigt der einst durch sein Debüt "Wallers letzter Gang" (1989) bekannt gewordene Regisseur, dass er auch anders kann; die Szene würde gut in einen Actionkrimi passen. Sie führt die Richterin mit einem Jungen zusammen, den sie fortan zum Maßstab für Erfolg oder Misserfolg macht: Rafiq ist Spross einer weit verzweigten libanesischen Familie, die den Drogenhandel im Kiez kontrolliert.

Der Junge ist noch nicht strafmündig und wird daher als Kurier eingesetzt. Außerdem saß er in dem von einem seiner Brüder gelenkten Auto. Rafiq ist sogar bereit, auszusagen, doch er entlastet seinen Bruder Nazir, dem Kopf des Clans. Als er später doch noch bereit ist, mit der Justiz zusammenzuarbeiten, lässt Nazir seine Wut an Rafiqs Freundin aus. Es gibt viele erschütternde Momente in diesem Film; Dähnert (zuletzt "Die Fahnderin") beschönigt die Ereignisse ebenso wenig wie einst in seinen Drehbüchern zu dem herausragenden Doppel-"Tatort" aus Hannover, "Das goldene Band"/"Wegwerfmädchen" (2012). Noch bedrückender als die Aufnahmen des missbrauchten Mädchens ist ihr Auftritt vor Gericht, als sie mit tonloser Stimme sagt, es sei alles einvernehmlich abgelaufen. 

Mit einer weiteren gelungenen Sequenz verdeutlicht der Film die ungeheure Fülle an Fällen. Die Idee ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Die Kamera schwenkt zwischen dem Stuhl für die Angeklagten und dem Richtertisch hin und her, und jedes Mal, wenn sie zu dem Stuhl zurückkehrt, sitzt dort ein anderer Jugendlicher. Umso größer wird die Hochachtung vor dieser Richterin, deren Idealismus unerschöpflich zu sein scheint; und die am Ende doch so tragisch scheitert. Das Gedicht, das Mathilde Bundschuh zu Beginn des Films vorträgt, stammt tatsächlich von einem straffällig gewordenen Jugendlichen, dessen Fall Heisig in ihrem Buch schildert; es trägt den Titel "Finsternis".

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