TV-Tipp: "Tatort: Marlon"

TV-Tipp

© Getty Images/iStockphoto/vicnt

8. Mai, ARD, 20.20 Uhr
TV-Tipp: "Tatort: Marlon"
Die schlimmsten Einsätze, sagen Rettungskräfte, seien jene, bei denen es um Kinder gehe. Die bedrückendste Szene dieses "Tatort" aus Ludwigshafen ist daher das Bild eines Jungen auf dem Obduktionstisch in der Rechtsmedizin.

Marlon ist nur acht Jahre alt geworden; jemand hat ihn in seiner Schule die Treppe runtergestoßen, der Sturz auf den Kopf war tödlich. Rasch stellen Lena Odenthal und Johanna Stern (Ulrike Folkerts, Lisa Bitter) fest, dass er praktisch nur Feinde hatte; selbst mit seinem besten Freund hat er sich verkracht. Sozialarbeiter Leu (Ludwig Trepte) war der einzige, zu dem der Junge noch Vertrauen hatte. Alle anderen waren überfordert: die Eltern, die Klassenlehrerin, die Schulleitung, der Hausmeister; Marlons Schulakte ist umfangreicher als das Vorstrafenregister eines notorischen Kriminellen. Als größter Widersacher entpuppt sich allerdings der Vater einer Mitschülerin: Oliver Ritter (Urs Jucker) hat Marlon gleich mehrfach angezeigt und alles versucht, um ihn von der Schule verweisen zu lassen. Die Schulkonferenz ist seinem Antrag tatsächlich gefolgt, hat den Beschluss aber auf Betreiben Leus wieder rückgängig gemacht.

Natürlich gelten die Ermittlungen der beiden Kommissarinnen in erster Linie der Suche nach dem Mörder (oder der Mörderin), aber der Fall berührt die beiden Frauen mehr als andere: Stern, weil sie selbst Mutter ist; und Odenthal, weil sie sich in dem rebellischen Jungen wiedererkennt. 

Trotzdem ist dieser berührende Film mit dem schlichten Titel "Marlon" kein Sozialdrama. Die Titelfigur trägt viele Züge eines typischen Systemsprengers, stammt jedoch nicht aus prekären Verhältnissen; die Eltern betreiben eine Buchhandlung, die Grundschule ist alles andere als ein sozialer Brennpunkt. Karlotta Ehrenberg, die nach ihrem Drehbuchdebüt zu der tragikomischen Romanze "Besuch für Emma" (ARD 2015) einige Krimiserienfolgen geschrieben hat, wirft zwar einige Male die Frage auf, woher Marlons Wut rührt, aber eine Antwort gibt sie nicht. Auch die beiden anderen Kinder im Zentrum der Geschichte sind voller Zorn. Wenn sich ARD-Sonntagskrimis mit Themen dieser Art befassen, kommt es regelmäßig zum Auftritt von Expertinnen oder Experten, die den Ermittlungsteams (und damit auch dem Publikum) die Hintergründe erläutern. Darauf hat Ehrenberg verzichtet, stattdessen sagt Stern einige Sätze, die wie Zitate aus einem Handbuch für Kinderpsychologie klingen; vielleicht wäre in diesem Fall ein Beitrag aus berufenerem Mund nicht verkehrt gewesen.
Davon abgesehen entwirft der Film das ebenso schlüssige wie düstere Szenario eines Teufelskreises, den niemand durchbrechen konnte: Je stärker Marlons Wut wuchs, desto heftiger waren die Reaktionen seiner Umgebung. Natürlich ist Ehrenbergs sorgfältig recherchiertes Drehbuch auch eine Anklage gegen die Gesellschaft. Ihr Kronzeuge ist der Sozialarbeiter ("Kinder sind nicht das Problem, sie haben eins"), der sich rührend um Marlon gekümmert hat, aber letztlich scheitern musste, weil ihm Unterstützung fehlte. Trotzdem verzichtet der Film auf individuelle Schuldzuweisungen. Im Zentrum steht nicht zuletzt die Frage, wie die Gesellschaft mit Aggression umgeht, denn nicht nur die Kinder, auch und gerade die Erwachsenen sind voller Zorn. Die bedauernswerteste Figur der Geschichte ist daher im Grunde die Mutter. Nach dem letzten Streit wusste sich Gesa Janson (Julischka Eichel) nicht anders zu helfen, als ihren Sohn in seinem Zimmer einzusperren, wie Odenthal mit fachfraulichem Blick erkennt: Marlon hat versucht, die Tür einzutreten. Aber vor seinem Tod muss noch mehr vorgefallen sein: Er hat zwei gebrochene Rippen, und diese Verletzungen sind keine Sturzfolgen. 

Regie führte Isabel Braak, die nach ihrem sehenswerten Regiedebüt "Plötzlich Türke" (NDR 2016) über die kafkaeske Ämter-Odyssee eines jungen Deutschtürken den sympathischen ersten Film mit Anna Fischer als kriminalisierende Bestatterin auf der Schwäbischen Alp ("Die Bestatterin - Der Tod zahlt alle Schulden", 2019) und zuletzt einen durchschnittlichen "Tatort" aus Dresden ("Rettung so nah", 2021) gedreht hat. Bei "Marlon" dürfte ihre größte Herausforderung die Arbeit mit den Kindern gewesen sein. Nicht alle Dialoge sind gelungen, aber gerade die emotionalen Szenen sind sehr überzeugend. Leichte Kost ist der Film naturgemäß nicht; schon allein die Musik (Dürbeck & Dohmen) ist ein Quell ständigen Unbehagens. 

Mehr zu Medien
Judith Grümmer und Steffi bei „So gesehen - Talk am Sonntag“ mit Moderator Julian Sengelmann am 10. Juli 2022, 08:40 Uhr in SAT.1
Tippende Hände über Computertastatur
In Niedersachsen hat sich die Zahl der Verfahren wegen Hassreden im Netz innerhalb eines Jahres verfünffacht.