"Leute wollen nicht mehr offen protestieren"

Der Buchstabe "Z" ist zum Symbol für das russische Militär geworden.

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Der Buchstabe "Z" ist zu einem Symbol für das russische Militär geworden. Die Studentin Anna berichtet für evangelisch.de aus ihrem Alltag in Russland.

Eine Stimme aus Russland
"Leute wollen nicht mehr offen protestieren"
Anna* kommt aus Russland und ist Studentin. Sie hat einen engen Bezug zu Europa. Umso mehr hat sie der russische Angriff auf die Ukraine erschüttert. Auf evangelisch.de berichtet sie regelmäßig von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

Jedes Mal, wenn ich in der Stadt unterwegs bin und ein bisschen Freizeit habe, nutze ich die Gelegenheit, durchs historische Zentrum zu bummeln. Ich öffne die schwere Tür und betrete eine U-Bahn-Station. "Entschuldigung!" – ruft ein Polizist. "Kommen Sie bitte her."

Nach den Terroranschlägen 2017 wurden Durchsuchungen in der U-Bahn eine alltägliche Routine. Polizisten wählen im menschlichen Strom sportlich aussehende junge Männer, Migranten, Frauen in auffälliger Kleidung (das bin ich) aus – ganz spontan und formal, ohne jemanden wirklich zu verdächtigen. Auch ich wurde schon ein paar Mal durchgesucht. Aber das war eine andere Situation.

Auf der Jacke des Polizisten ist ein schwarz-oranges Band in Form des Buchstabens Z. Ein Symbol der Solidarität mit den russischen Truppen. Er guckt mich skeptisch an: meine Kleidung ist mit pazifistischen Symbolen geschmückt. "Können Sie bitte schneller…" - flüstere ich, guckend wie der Inhalt meines Rucksacks auf dem Bildschirm beobachtet wird. "Ich muss mich beeilen". Dort liegt mein Laptop. Und mein Handy. Wenn sie sie öffnen und meine Konversationen in sozialen Netzwerken lesen, wenn sie sehen, wen ich auf Instagram folge, was ich mir auf YouTube ansehe… "Vielen Dank, einen schönen Tag wünsche ich euch" – sagt der Polizist und gibt mir den Rucksack zurück. Ich laufe weiter.

Denkt jemand an die Kinder von Mariupol?

Einige Minuten später, gehe ich über einen Platz, wo es im Februar und März große Demonstrationen gab. Der Platz ist leer. Auf einer der Fußgängerzonen steht eine Installation – das Wort "Zamestim" ("Wir werden es ersetzen"). Jeder Buchstabe ist ein Logo einer der ausländischen Marken, die Russland verlassen haben. "Z" bedeutet Zara, "A" – Adidas, "M" – McDonalds usw. "Was für ein Cringe, guck mal!" – lacht jemand leise. "Ich hoffe, es bleibt hier nicht lange."

Heute habe ich erfahren, dass jemand dieses "Meisterwerk" zerstört hat. Ich muss zugeben, dass ich es nicht schade finde. Neben dem Platz gibt es eine Ausstellung. Schwarz-Weiß-Fotos trauriger Jungen und Mädchen. "Die Kinder von Donbass". Das finde ich besonders zynisch, die Tötung einiger Kinder durch den Tod anderer zu rechtfertigen... Ja, die Situation im Donbass war schrecklich, das war ein Bürgerkrieg, aber ob es diesen Kindern heute besser geht? Denkt jemand an die Kinder von Charkiv, Mariupol, Odessa? Oder sind ukrainische Kinder falsche Kinder, die kein Mitleid verdient haben?! Ich verstehe es nicht, und werde nie verstehen.

In den letzten Monaten hat sich meine Stadt sehr verändert. Dort, wo es früher bunte Werbung gab, hängen heute riesige Buchstaben "Z". Gleichzeitig sind an den Wänden von Häusern und Bushaltestellen die Inschriften "Nein dem Krieg", "Putin - nach Den Haag", "F*ck the war" zu sehen. Sie werden übermalt, aber jemand schreibt sie wieder und wieder hin. Die Leute sind verängstigt. Sie wollen nicht mehr offen demonstrieren – das Risiko ist zu groß, niemand will im Gefängnis sitzen. Aber sie wollen auch nicht schweigen, und das gibt mir Hoffnung. 

*Anna heißt eigentlich anders. Zu ihrem Schutz hat die Redaktion ihren Namen geändert.

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