Neues "Wir" in Europa entstanden

Annette Kurschus

© epd-bild/Meike Boeschemeyer

Annette Kurschus beobachtet seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine einen neuen Gemeinsinn in Europa.

Kurschus zu Ukraine-Krieg
Neues "Wir" in Europa entstanden
Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Annette Kurschus, beobachtet einen neuen Gemeinsinn in Europa durch den Krieg in der Ukraine.

"Am 24. Februar dieses Jahres ist in Europa aus einem Haufen über Kreuz liegender Egoismen ein Wir auferstanden", sagte Kurschus am Dienstag in Berlin mit Blick auf den Tag des Beginns des russischen Überfalls auf die Ukraine. Mit Verwunderung und Bewunderung beobachte sie, "wie das Wir der Ukraine ungeahnte Kraft verleiht", sagte die westfälische Präses.

"Während der russische Präsident an seinem mächtigen, überlangen Tisch ein groteskes Bild der Einsamkeit und Schwäche abgab, strahlten die überfallenen Ukrainer in ihrem demonstrativen Zusammenhalt und ihrer gemeinsam getragenen Wut Stärke aus", sagte Kurschus. Quasi über Nacht sei in ganz Europa zudem die Solidarität aufgewacht, sagte sie mit Verweis auf die große Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen.

Gleichzeitig äußerte Kurschus Skepsis gegenüber einem zu bestimmten "Wir". Es gebe keinen Anlass, das Erwachen des Gemeinsinns "zu verkitschen", sagte sie. Not entzweie auch. Es gebe Streit, Befremden, Ressentiments etwa gegenüber russischstämmigen Menschen, warnte Kurschus. Aus christlicher Sicht gelte es, an der Seite der Schwachen und Verwundeten zu stehen, sagte die Theologin.

Kurschus war nach ihrer Corona-Infektion per Video beim Wichernempfang der Diakonie in Berlin zugeschaltet, der nach der Corona-Pause wieder in Präsenz stattfand. Vor Gästen aus Verbänden, Kirchen, Regierung und Parlament rief Diakonie-Präsident Ulrich Lilie dazu auf, an einem gerechten "Wir" zu arbeiten. Das "Wir-Gefühl" sei fragil, sagte er mit Verweis auf rechtspopulistische Bewegungen und Parteien. Homogenitätsfantasien wirkten wie ein Gift.

Der parlamentarische Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, Sven Lehmann (Grüne) betonte die Bedeutung des Sozialstaats. Er sei das "Versprechen, dass wir uns als Gesellschaft gegeben haben. Das lautet: Wir sorgen füreinander", sagte Lehmann, der Queer-Beauftragter der Bundesregierung ist. Die Diakonie bezeichnete er als Impulsgeberin für Verbesserungen in der Familienpolitik. Dafür könne sie weitere Unterstützung von der Bundesregierung erwarten.

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