"Es geht hier ums Überleben"

Ukrainischer Klimaaktivist Ivanko Bobeiko in einem Keller in der Ukraine

© epd-bild/Ivanko Bobeiko/privat

Ukrainischer Klimaaktivist Ivanko Bobeiko in einem Keller in der Ukraine. Wo er gerade Unterschlupf gefunden hat, möchte er nicht sagen. "Zu gefährlich – für die Leute, die mich aufgenommen haben und auch für mich. Die russischen Truppen könnten uns töten, wenn sie uns finden", befürchtet er.

Klimaaktivist Bobeiko gegen Krieg
"Es geht hier ums Überleben"
Viele Jahre schon kämpft der junge Ukrainer Ivanko Bobeiko gegen den Klimawandel. Nach der Invasion russischer Truppen in seinem Heimatland steckt er nun seine ganze Kraft in die Hilfe für seine Landsleute. "Es geht hier ums Überleben", sagt er.

Wo er gerade Unterschlupf gefunden hat, möchte er nicht sagen. "Zu gefährlich - für die Leute, die mich aufgenommen haben und auch für mich. Die russischen Truppen könnten uns töten, wenn sie uns finden", befürchtet der ukrainische Klimaaktivist Ivanko Bobeiko. Mit Beginn der Invasion in seinem Heimatland ist der 27-Jährige in die Westukraine nahe der polnischen Grenze geflohen. Nun sitzt er im unwirtlichen Keller eines Hauses, der aber doch den Schutz bietet, den er braucht, um Informationen zu posten und Hilfe zu organisieren.

Bobeiko ist angehender Deutschlehrer mit Verbindungen zum Klimahaus in Bremerhaven, wo er sich bisher für das Projekt "KlimaGesichter" engagiert hat. Als Klimaschutz-Botschafter habe er seit 2020 Vorträge und Workshops in deutschen Bildungseinrichtungen zu Klimagerechtigkeit und dem Klimawandel in seinem Heimatland gehalten, berichtet Klimahaus-Sprecher Holger Bockholt.
"Momentan gibt es andere Herausforderungen, die wir gemeinsam bewältigen müssen", erklärt Bobeiko über eine größtenteils stabile WhatsApp-Verbindung, die nur gelegentlich im Rauschen verschwindet. "Es geht hier ums Überleben", sagt er und verdeutlicht: "Wenn du von deiner Mutter hörst, dass genau die Stadt, in der sie wohnt, bombardiert wird, das ist unglaublich. Und du bist machtlos, du und deine Familie sind einfach dem Schicksal und dem Serienmörder Putin ausgeliefert."

Eigentlich wollte der junge Mann nach Deutschland, um hier als Dolmetscher zu helfen, doch an der ukrainisch-polnischen Grenze war Schluss. "Wehrfähige Männer dürfen nicht raus aus dem Land", erzählt er. Über einen Bekannten habe er dann eine Unterkunft gefunden: "Ich will jetzt von hier aus Unterstützung organisieren und habe deshalb schon Verbindung zur Caritas aufgenommen." Hilfstransporte müssten koordiniert werden. "Da will ich mich engagieren, weil ich gut Deutsch spreche und viele Kontakte habe."

"Zivilisten werden getötet, um den Krieg zu gewinnen"

Die Situation in der strategisch wichtigen Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer ist für Bobeiko ein Symbol für die völkerrechtswidrige Invasion der russischen Truppen. "Der Angriff auf das Kinderkrankenhaus dort zeigt, dass Zivilisten getötet werden sollen, um den Krieg zu gewinnen", sagt der junge Mann mit stockender Stimme. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte auf Twitter ein Video veröffentlicht, das verwüstete Räume der Klinik zeigen soll. "Angriff russischer Truppen auf die Entbindungsstation. Menschen, Kinder sind unter den Trümmern", schrieb Selenskyj.

Bobeiko ist auf Facebook und Instagram unterwegs, wünscht sich, dass seine Stimme gehört wird. "Ich möchte Vermittler sein, über die wahre Lage berichten und sagen, was jetzt gebraucht wird." Es gehe jetzt auch um die Frage, was nötig sei, damit die Leute in der Ukraine bleiben könnten, in Lwiw oder in anderen westlichen Gebieten der Ukraine. "Wir müssen den Menschen vor Ort helfen", erklärt er mit fester Stimme. Dringend benötigt würden weiterhin Hilfsgüter, "auch Unterkünfte, Zelte, besser Wohncontainer".

Er sei überzeugter Europäer und wolle sich auch bedanken. "Wir sehen, wie viele Menschen uns helfen", sagt er unter Tränen. Er hoffe, dass das so bleibe, denn die Situation werde immer schlimmer. "Unsere Welt gerät gerade ins Wanken, die Europäer müssen uns retten, weil wir Europäer sind." Die Ukrainer kämpften nicht nur für ihr Land, sondern auch für europäische Werte: "für die Demokratie."

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