TV-Tipp: "Der Kroatien-Krimi: Tod im roten Kleid"

Alter Röhrenfernseher steht vor Wand

© Getty Images/iStockphoto/vicnt

27. Januar, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Der Kroatien-Krimi: Tod im roten Kleid"
Der Titel ist die erste Irritation dieses Verwirrspiels, dessen Handlung ständig neue Haken schlägt, denn angesichts der Leiche, die mitten auf der Straße liegt, wäre "Der Tote im roten Kleid" naheliegender: Das Opfer ist ein junger Mann, und die gut sichtbar fortgeschrittene Fäulnisbildung lässt keinen Zweifel daran, dass er nicht erst kürzlich gestorben ist.

Das nächste Rätsel ergibt sich bei der Obduktion. Er ist zwar bei einem Sturz aus größer Höhe ums Leben gekommen, was zum Fundort am Fuß einer Steilküste passt, aber die Knochenbrüche sind keineswegs frisch: Die Leiche war tiefgefroren, weshalb sich der Zeitpunkt des Todes unmöglich bestimmen lässt; er kann Jahre zurückliegen. 

Die besten "Kroatien-Krimis" waren bislang jene, in denen die Vergangenheit maßgeblichen Einfluss auf die Gegenwart hatte: weil die Spuren des Bürgerkriegs nach wie vor präsent sind; nicht zuletzt in den Köpfen der Menschen. Im insgesamt elften "Kroatien-Krimi", der gleichzeitig der fünfte Fall für Stascha Novak (Jasmin Gerat) als Leiterin der Mordkommission Split ist, greift Reihenschöpfer Christoph Darnstädt den verbreiteten Katholizismus und somit ein Thema auf, das gerade bei den älteren Kroaten ähnlich bedeutsam ist wie die Erinnerung an den Krieg. Geschickt projiziert das Drehbuch das entsprechende Stadt/Land-Gefälle auf die beiden Hauptfiguren: Großstädterin Stascha ist offenbar nicht religiös, ganz im Gegensatz zum einheimischen Kollegen Emil (Lenn Kudrjawizki). Der Tote im roten Kleid, stellt sich schließlich raus, hieß Anton und ist nach dem frühen Tod der Eltern bei seinem Onkel (Joachim Nimtz) aufgewachsen, einem gottesfürchtigen Mann, der zu einer kirchlichen Gruppierung namens "Unsere Familie" gehört; ebenso wie Emils Mutter. 

Prompt kommt es zu einem Disput zwischen dem Ermittlerduo, der sich durch den gesamten Film zieht, weil der tiefgläubige Kollege seiner Chefin klarzumachen versucht, dass strenge Gläubigkeit nicht automatisch gleichbedeutend mit mittelalterlichen Ansichten sein müsse: "Wir sind alle Kinder Gottes", zitiert er seine Mutter. Stascha hingegen betrachtet die Mitglieder dieser Organisation, die unter anderem gegen Abtreibung und Homo-Ehen auf die Straße gehen, als religiöse Fanatiker. Teil der Auseinandersetzung ist ein Nachdruck von Sandro Botticellis Fresko "Die Versuchung Christi" aus der Sixtinischen Kapelle, der in Ivans Haus hängt. Am oberen Bildrand gibt es eine Szene, in der Jesus nach Staschas Ansicht Satan über eine Klippe stößt. "Jesus schubst nicht", erwidert Emil; aber langsam stellt sich eine Ahnung ein, was Anton widerfahren sein könnte. Und vor allem: warum. 

Wie es sich für einen guten Krimi gehört, erfreut Darnstädt nicht nur durch Sorgfalt im Detail, sondern auch durch immer wieder neue Überraschungen. Irgendjemand ist Stascha und Emil ständig einen Schritt voraus: Der ersten Leiche werden noch weitere folgen, einige Menschen schweben zudem in großer Gefahr, und gegen Ende schüttelt Darnstädt zwei Knüller aus dem Ärmel; der eine ist erwartbar, aber der andere ist tatsächlich verblüffend. Ähnlich überzeugend wie die eindrucksvoll verschachtelt erzählte Geschichte ist die Besetzung, weil Michael Kreindl – der Regisseur hat bislang sämtliche Episoden der Reihen inszeniert – eine vorzügliche Auswahl getroffen hat. Es gibt zwar auch prominente Mitwirkende wie Nadja Becker und Michael Roll, doch wichtige Nebenfiguren sind mit unbekannten, aber vielversprechenden jungen Kräften besetzt worden. Meira Durand und Slavko Popadic füllen ihre wenigen Szenen als frühere Weggefährten Antons mit großer Intensität. Gleiches gilt für Riccardo Campione in der Rolle des Opfers; die Rückblenden wecken tiefes Mitgefühl für Anton. Sympathisch ist auch das Wiedersehen mit Rufus Beck: Staschas Vater ist nach Split gekommen, um anlässlich seines Geburtstag seine zerstrittenen Töchter miteinander versöhnen.

Abgerundet wird die nicht nur im Rahmen der Reihe überdurchschnittliche Gesamtqualität des Films durch eine wohldurchdachte Bildgestaltung (wie zuletzt: Anton Klima), durch eine passende Musik, die vermeintlich typische Balkanrhythmen integriert, ohne ins Klischee zu verfallen (auch Titus Vollmer komponiert regelmäßig für die Reihe) sowie durch diverse schöne Urlaubsbilder. Die Geschichte ist nicht zuletzt auch aufgrund des Finales dennoch zutiefst erschütternd; selbst wenn der Epilog für einen versöhnlichen Schluss sorgt.