TV-Tipp: "Ein Leben lang"

Alter Röhrenfernseher vor einer Wand

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26. Januar, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Ein Leben lang"
Bereits die ersten Bilder dieses Herbstfilms verbreiten eine Melancholie, zu der sich im Verlauf der Handlung noch sehr viel Wehmut gesellen wird. "Ein Leben lang" ist ein Abschiedsfilm, und es wird ein Abschied für immer sein: Arthur (Henry Hübchen) leidet an Demenz, die klaren Momente werden zunehmend rarer, im Grunde kann man ihn nicht mehr allein lassen.

Um seinen Platz in einem Pflegeheim finanzieren zu können, muss seine Frau Elsa (Corinna Kirchhoff) das Ferienhaus der Familie verkaufen. Ein letztes Mal reisen die beiden zu dem See in der Nähe Berlins, um das Anwesen zu entrümpeln. Sie haben dort viele schöne Tage verbracht, bis Arthur seine Frau vor einigen Jahren wegen einer Jüngeren verlassen hat. Als seine geistige Gesundheit nachließ, war die Beziehung wieder vorbei, und nun kümmert sich Elsa um ihn, wenn auch eher aus Pflichtgefühl als um der alten Zeiten willen: Die einstigen Gefühle sind offenbar unwiederbringlich dahin, und das nicht nur wegen Arthurs Krankheit; selbst wenn der Film nicht verhehlt, wie kräftezehrend das Leben mit einem Demenzkranken ist. 

"Ein Leben lang" beginnt als Zweipersonenstück, in dem die Vorzeichen klar verteilt sind: Die Demenz verleiht Arthur den Status eines unschuldigen Kindes; er kann ja nichts dafür, dass sein Gedächtnis schwindet. Die Rolle ist ein Traum für jeden Schauspieler, denn sie bietet ihrem Darsteller ein großes Spektrum, das Henry Hübchen bis zur bitteren Neige auskostet, zumal Drehbuchautor Paul Salisbury eine weitere tragische Facette ergänzt hat: Arthur war mal ein prominenter Schlagersänger; der Titel bezieht sich auf ein Liebeslied, das vor vielen Jahren sein größter Hit war. In einem Schuppen hat er sich ein Tonstudio eingerichtet. Tourneeplakate und Goldene Schallplatten sind Zeugnisse seiner Vergangenheit. Wenn er sich ans Klavier setzt, kommt sie zurück, aber mittendrin muss er abbrechen, weil er nicht mehr weiß, wie die Melodie weitergeht. 

Im Vergleich zu Hübchen, der alle Register ziehen darf, weil immer wieder auch jener Schalk aufblitzt, in den sich Elsa vor über vierzig Jahren verliebt hat, hat Corinna Kirchhoff als Mischung aus Mutter, Krankenschwester und Spaßbremse die undankbarere Rolle. Selbstverständlich ist etwas in Elsa zerbrochen, als Arthur sie vor gut vier Jahren verlassen hat. Wenn sie sich doch mal die Andeutung eines Lächelns erlaubt, reicht es gerade mal für einen Mundwinkel. Das ändert sich, als Salisbury eine dritte Figur ins Spiel bringt: Bevor die Maklerin kommt, müssen dringend einige Reparaturarbeiten vorgenommen werden. Eine Nachbarin empfiehlt Elsa einen Mann aus der Gegend. Die erste Begegnung fällt eher frostig aus, denn Elsa hat Sorin (Eugen Knecht) kurz zuvor dabei ertappt, wie er Obst geklaut hat. Hinter seiner ungehobelten Fassade offenbart der Gelegenheits-DJ jedoch eine verletzte Seele. Arthur schließt ihn in sein Herz, als die beiden spontan zusammen Musik machen, und auch in Elsa weckt er verschüttet geglaubte Emotionen.

Mehr noch als die wenigen vergleichsweise plakativen Szenen – Arthur empfängt die Maklerin in durchnässter Unterhose, weil er das Klo nicht gefunden hat – sind es die kleinen Momente, die ein Gefühl für die Figuren vermitteln: die Jahrzehnte alten Fotos als Dokumente des einstigen Glücks oder ein ins Holz des Ruderboots geritztes Herz mit den Buchstaben A und E. Die besondere Qualität des Films resultiert jedoch aus den Spielräumen für Zwischentöne, die das Drehbuch Hübchen und Kirchhoff ermöglicht; der tieftraurige Blick Arthurs, als Elsa ihm klar macht, warum das Haus verkauft werden muss, geht direkt ins Herz. Ähnlich bewegend war auch eine der letzten Arbeiten Salisburys, "Das deutsche Kind", ein Drama über den Sorgerechtsstreit zwischen einem muslimischen Ehepaar und den deutschen Großeltern eines verwaisten Mädchens. 

Till Endemann hat für den SWR gleich mehrere sehenswerte Filme über authentische Stoffe gedreht, darunter "Flug in die Nacht" (2009, über das Unglück von Überlingen), "Carl & Bertha" (2011) oder "Unter Anklage" (2014, ein Justizdrama über den Fall Harry Wörz). Mit diesen Szenen einer endenden Ehe setzt er die Erkundungen der Psyche fort, die auch seinen letzten Film geprägt haben, "Das Versprechen" (2021), ein aller Düsternis zum Trotz positives Drama über Krankheiten der Seele. "Ein Leben lang" schildert eine ähnliche Entwicklung, denn am Schluss finden Arthur und Elsa unabhängig voneinander einen Weg, mit sich im Reinen zu sein; und auch für Sorin mündet die Geschichte in einen Hoffnungsschimmer. Sehenswert ist aber nicht nur das dreiköpfige Ensemble: Viele der Aufnahmen, die Kameramann Philipp Sichler von der Seelandschaft gemacht hat, haben die Schönheit klassischer Ölgemälde aus der Zeit der Romantik.