TV-Tipp: "Tatort: Wunder gibt es immer wieder"

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19. Dezember, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Tatort: Wunder gibt es immer wieder"
Spätestens seit "Der Name der Rose" stehen Klosterkrimis für eine ganz besondere Faszination. "Wunder gibt es immer wieder", ein "Tatort" aus München, ist zwar längst nicht so mysteriös und bei Weitem nicht so grausig wie der Klassiker.

Aber gerade im Vergleich zu den üblichen Großstadtgeschichten mit den Kommissaren Leitmayr und Batic (Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec) ein besonderer Film; und durchaus auch ein bisschen speziell. Die Handlung beginnt mit einem vermeintlichen Herzinfarkt im Regionalzug von Rosenheim nach München. Der Tote war Wirtschaftsprüfer der Diözese und hat das Wochenende zur inneren Einkehr in einem Kloster verbracht. Die Obduktion ergibt, dass er dem Gift des Gefleckten Schierlings erlegen ist. Eine raffinierte Methode, denn der Tod tritt erst mehrere Stunden später ein; wäre der Mann im eigenen Bett gestorben, wäre womöglich nie ermittelt worden. Da er offenkundig während seines Aufenthalts im Kloster vergiftet worden ist, bleibt den Münchnern nichts anderes übrig, als sich so lange in dem sehr beschaulich im Voralpenland gelegenen Gemäuer einzunisten, bis der Fall geklärt ist.

Wie fast immer in solchen Fällen resultiert der Reiz der Geschichte nicht zuletzt aus dem Aufeinanderprallen zweier unterschiedlicher Weltanschauungen. Zumindest Leitmayr macht keinen Hehl daraus, dass er mit Religion nichts am Hut hat. Die Sache mit der Erbsünde hat er nie verstanden, und dass Frauen alles Weltliche hinter sich lassen, um ihr Dasein Jesus Christus widmen, ist ihm völlig fremd; erst recht, wenn sie wie die junge Novizin Antonia (Maresi Riegner, Hauptdarstellerin des aktuellen Schweizer Kinofilms "Monte Verità") ihr Leben noch vor sich haben. Bei Batic liegen die Dinge etwas anders, er ist offenbar empfänglich für spirituelle Einflüsse, was dem Film einige moderate, aber effektvoll gefilmte Mystery-Momente beschert, weil der Kommissar während des einen oder anderen Nachtmahrs von allerlei gruseligen Visionen heimgesucht wird.

Natürlich erlaubt sich das Drehbuch (Alexander Buresch, Matthias Pacht) auch gelegentliche Abschweifungen ins Klosterleben, aber die kriminalistische Ebene bleibt bestimmend. Dank der Erfahrung von dreißig Ermittlungsjahren ahnen die Kommissare, dass die Priorin (Corinna Harfouch) und ihre harmlos wirkenden Mitschwestern etwas zu verbergen haben. Womöglich ist der Wirtschaftsprüfer diesem Geheimnis auf die Spur gekommen und musste deshalb sterben. Hinweise gibt es zur Genüge, zumal sich im Klostergarten neben vielen anderen Kräutern auch der Gefleckte Schierling findet. Und ist es nicht seltsam, dass selbst bei den gemeinsamen Mahlzeiten nie alle Nonnen gleichzeitig anzutreffen sind? Lange Zeit offen bleibt auch die Frage, warum das Kloster vorübergehend zwei Abgesandte aus dem Vatikan beherbergt. Entsprechende Erkundigungen der Kommissare werden mit der immer wieder gleichen Antwort abgeblockt: Es handele sich um "eine kircheninterne Angelegenheit".

Einige der Nonnen haben eine Vergangenheit und sich aus gutem Grund für ein Leben im Kloster entschieden; ansonsten haben die Autoren auf Klischees verzichtet. Dieser Haltung hat sich auch Maris Pfeiffer angeschlossen: Die erfahrene Regisseurin hat die Frauen nicht als weltfremd und wunderlich inszeniert. Die Ordensschwestern vertreiben Heilkräuter und -salben aus eigener Herstellung im Online-Versand und sind im Aktiengeschäft bewandert. Andererseits verhehlt das Drehbuch nicht, dass es dem Orden an Nachwuchs mangelt, weshalb dem Kloster die Schließung droht. Von dieser Entwicklung wiederum hat das Filmteam profitiert: Die Dreharbeiten fanden im Kloster Reisach im Landkreis Rosenheim statt; das Anwesen steht seit einigen Jahren leer. Womöglich hatte die entsprechende Stimmung auch Einfluss auf den Stil des Films: Abgesehen von Batics Alpträumen und einem Gelbgrünstich, der den Aufnahmen gelegentlich eine leicht giftige Anmutung verleiht, ist die sorgfältige Bildgestaltung (Alexander Fischerkoesen) ähnlich zurückhaltend wie die Musik (Richard Ruzicka).

Die Handlung sorgt ohnehin für eine kammerspielartige Atmosphäre. Derartige Konstellationen sind immer ein Fest für die Mitwirkenden, zumal das Klosterensemble sehr präzise zusammengestellt ist. Es wird kein Zufall sein, dass die Geschichte spätestens gegen Ende, wenn Leitmayr und Batic vor versammelter Frauschaft den Fall erläutern, an Agatha Christie erinnert. Dazu passt auch der immer wieder sympathisch beiläufig eingestreute Humor. In der amüsantesten Szene des Films landen die Kommissare auf der Suche nach einem Mobilfunknetz, ihre Smartphones wie Wünschelruten von sich gestreckt, schließlich beide auf der Spitze einer Stehleiter.