Angehörige eines Mordopfers schildert Nacht des Hanauer Anschlags

Angehörige eines Mordopfers schildert Nacht des Hanauer Anschlags

Erschütternde Schilderungen der Angehörigen eines Opfers haben die erste öffentliche Sitzung des Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags zum rassistischen Anschlag von Hanau geprägt. Die Cousine des damals ermordeten Bulgaren Kaloyan Velkov erzählte am Freitag den Abgeordneten, wie sie noch kurz vor den tödlichen Schüssen mit dem jungen Familienvater telefonierte und scherzte, der mit seinen Kindern im selben Haus eines Vororts von Hanau wohnte und sie immer mit "Schwester" anredete.

Vaska Zlatevka berichtete von den quälenden Stunden in der Tatnacht, bis sie schließlich Gewissheit über seinen Tod bekam und schließlich die schreckliche Nachricht am Morgen mit Hilfe einer Polizistin dessen Mutter überbringen musste. "Ich fühle mich schuldig, weil ich es war, die ihn nach Deutschland eingeladen hat", sagte die 36-Jährige und rief aus: "Ladet keine Migranten ein, wenn sie hier ermordet werden."

Der Untersuchungsausschuss war im vergangenen Jahr eingesetzt worden, um mögliche Versäumnisse von Polizei und Behörden vor dem Anschlag aufzuklären. Der 43-jährige Deutsche Tobias R. hatte in der Nacht vom 19. auf den 20. Februar vorigen Jahres in Hanau gezielt neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen, bevor er schließlich in seiner Wohnung noch die eigene Mutter und sich selbst tötete.

Am Tatmotiv des offenbar psychisch kranken Täters hat das Bundeskriminalamt nach Auswertung seiner hinterlassenen Vernichtungsphantasien keinen Zweifel. Es spricht von einem "eindeutig rassistischen Weltbild". Die Einsetzung des Untersuchungsausschusses im hessischen Landtag hatten die Oppositionsparteien SPD, FDP und Linke beantragt.

Der Ausschuss soll unter anderem klären, warum der Täter trotz seines paranoiden Verhaltens eine Waffe tragen konnte und warum der Polizeinotruf 110 in der Anschlagsnacht kaum erreichbar war. Auch der Notausgang in einer Bar wird Thema sein, in die der Täter eindrang. Er war verschlossen, was den zuständigen Behörden jedoch schon länger bekannt war.

Auch geht es im Ausschuss um den Umgang mit den Angehörigen der Mordopfer, die ganz bewusst als erste Zeugen ausgewählt wurden. Neben der von einer Dolmetscherin übersetzten Vaska Zlateva wurden für Freitag auch die Lebensgefährtin und ein Bruder des ebenfalls in Hanau ermordeten Fatih Saracoglu eingeladen.

Am 17. und 20. Dezember sollen weitere Angehörige der Mordopfer gehört werden. Vertreter von Polizei und Behörden sowie der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) sind erst im nächsten Jahr an der Reihe.