Oberlinhaus-Prozess: Kollegen rekonstruieren Stunden vor der Tat

Oberlinhaus-Prozess: Kollegen rekonstruieren Stunden vor der Tat
Im Prozess wegen der Tötung von vier Schwerstbehinderten im Potsdamer Oberlinhaus berichteten Zeugen am siebten Verhandlungstag über die Stunden vor der Tat. Kollegen machten unterschiedliche Angaben über die seelische Verfassung der Angeklagten.

Im Prozess vor dem Potsdamer Landgericht wegen der Tötung von vier Schwerstbehinderten im Oberlinhaus haben am Dienstag die Pfleger ausgesagt, die die Stunden vor der Tat mit der Angeklagten Dienst taten. Der Pfleger Dia A. sagte aus, sie habe an dem Tag traurig gewirkt. In der polizeilichen Vernehmung hatte er bereits angegeben: "Alle meine Kollegen haben schon mehrere Tage über ihren seelischen Zustand gesprochen." Der Zustand habe seit etwa zwei Monaten bestanden, sagte der aus Syrien stammende Pfleger vor Gericht. Am Tattag sei Ines R. auffällig wortkarg gewesen. (AZ: 21 Ks 6/21)

In Bezug auf vorangegangene Aussagen über Personalmangel sagte der Pfleger, er habe gemeinsam mit einer Kollegin wegen Diensten mit nur zwei Mitarbeitern pro Schicht eine Überlastungsanzeige gestellt. Daraufhin habe es geheißen, Leasing-Kräfte würden nicht zu Hilfe gezogen, da sie doppelt so viel wie normale Angestellte kosteten.

Die Zeugin Irma O. schilderte den Zustand von Ines R. in der gemeinsamen Schicht am Tattag als normal. Eine Woche zuvor habe sie die Angeklagte gefragt, wie es ihr gehe, da R. traurig gewirkt habe, berichtete die 25-Jährige vor Gericht.

Erst als der Ehemann der Angeklagten in der Station anrief, um zu erfahren, was in der Schicht vorgefallen sei, habe sie bemerkt, dass Ines R. die Station bereits verlassen hatte. Nach seinem zweiten Anruf habe sie in einem der Zimmer der Klienten nachgeschaut und eine Tote entdeckt. Unter anderem wegen der Ereignisse in der Tatnacht hat Irma O. mittlerweile den Arbeitgeber gewechselt.

Mit der Angeklagten sei sie in den acht Wochen der gemeinsamen Arbeit vor der Tat "nicht warm geworden", sagte sie. Ines R. habe sie als "zu ruhig" empfunden, sagte die examinierte Pflegerin. Wenige Tage vor der Tat habe die Angeklagte sie unvermittelt gefragt, ob sie ihr sympathisch sei. Auf die ausweichende, vage gehaltene Antwort habe sie nachgefragt, ob sie sie respektiere. Die scherzhaft gemeinte verneinende Antwort habe die Angeklagte offenbar nicht als ironisch verstanden, sagte Irma O..

Sie berichtete zudem, dass sie ebenso wie ein muslimischer Kollege wenige Tage vor der Tat von Ines. R. von einer Einladung zum Grillen ausgeschlossen wurde. Die 25-jährige Pflegerin vermutet mögliche Vorbehalte gegenüber Menschen aus anderen Kulturen als Grund.

Der Pfleger Dia A. bestätigte diese Aussage nicht. Es sei kein Problem gewesen, dass er nicht aus Deutschland stammt. Ines R. sei "eine gute Kollegin" gewesen.

Im Anschluss an die Aussagen der beiden Kollegen der Angeklagten sagte die stellvertretende Pflegedienstleiterin aus. Wie bereits zuvor gehörte Kollegen beschrieb auch Anne-Katrin K. die Angeklagte als mütterlich gegenüber den Klienten.

Die Gewalttat im Potsdamer Oberlinhaus Ende April sorgte deutschlandweit für Entsetzen. Zum Auftakt des Prozesses Ende Oktober berichtete die angeklagte langjährige Mitarbeiterin über ihre psychischen Beeinträchtigungen und Personalmangel in der diakonischen Einrichtung. Die 52-Jährige muss sich wegen Mordes und weiterer Straftaten verantworten. Die Staatsanwaltschaft geht von einer erheblich verminderten Schuldfähigkeit aus.