Kirchengemeinde rebelliert gegen strenge Corona-Regeln

ausgezogene medizinische Maske auf hölzernem Untergrund

© Burak Sür/iStockphoto/Getty Images

Die kirchlichen Corona-Regeln gehen nach Ansicht einer Schwabacher Kirchengemeinde zu weit - sie hat nun bereits zum zweiten Mal eine Resolution dagegen verabschiedet.

Pandemie
Kirchengemeinde rebelliert gegen strenge Corona-Regeln
Schon einmal hatte die Schwabacher Kirchengemeinde St. Martin gegen Corona-Regelungen in Kirchen aufbegehrt. Nun folgt die zweite Resolution - wieder mit dem Vorwurf, die Landeskirche würde zu streng agieren und "zur Ausgrenzung beitragen".

Zum zweiten Mal beschäftigt eine Resolution einer Kirchengemeinde aus Schwabach gegen die Corona-Regelungen an Kirchen die bayerische Kirchenleitung. Wie Pfarrer Paul-Herrmann Zellfelder von der Gemeinde St. Martin dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Freitag erklärte, ist man in Sorge, dass die evangelische Kirche mit zur Ausgrenzung von Menschen und zur Polarisierung der Gesellschaft beitrage. Die Resolution an die Kirchenleitung verfasste der Kirchenvorstand - St. Martin ist mit 8.500 Mitgliedern die zahlenmäßig zweitgrößte evangelische Gemeinde in Bayern.

Konkret kritisieren Zellfelder und der Kirchenvorstand, dass die Landeskirche ihrer Auffassung nach den Gemeinden auch über die staatlichen 3G-Vorgaben hinaus bei Gottesdiensten am Platz das Tragen einer Maske vorschreibe und freistelle, weitere Schutzmaßnahmen vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu treffen. Auf welche kirchlichen "Vorschriften" der Kirchenvorstand sich dabei bezieht, wird indes nicht klar. Fakt ist: Die Landeskirche hatte während der Corona-Pandemie wiederholt betont, dass sie selbst den Kirchengemeinden keine Vorschriften mache, sondern nur Empfehlungen abgebe.

Verantwortlich für die Umsetzung der Hygienemaßnahmen sei der Kirchenvorstand, für den allein die staatlichen Vorgaben rechtlich verbindlich seien, betonte auch diesmal ein Landeskirchen-Sprecher auf Anfrage. Jeder Gemeinde stehe es aber frei, über die aktuelle 3G-Regelung hinausgehende Maßnahmen zu ergreifen - etwa bei Veranstaltungen mit wenig Platz, wenn vulnerable Menschen erwartet würden oder in Regionen mit hohen Corona-Inzidenzwerten.

Bischöfin: Entscheidungen fallen vor Ort

Auch die Nürnberger Regionalbischöfin Elisabeth Hann von Weyhern, von Amts wegen Mitglied der Kirchenleitung, widerspricht mit Verweis auf die aktuell geltende 14. Bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung der Schwabacher Behauptung, dass kirchliche Vorgaben noch über die staatlichen Bestimmungen hinausgehen. "Freilich gibt es staatlicherseits eine gewisse Unterschiedlichkeit in der Behandlung einzelner gesellschaftlicher Bereiche. Wir als Kirche sind dabei klug beraten, keine falschen Analogien herzustellen", erklärt sie. Es gelte Maskenpflicht nur, wenn die Abstände nicht eingehalten werden.

Hann von Weyhern ergänzt, es sei ein starkes Kennzeichen der Kirche, dass die Entscheidungen vor allem vor Ort getroffen werden sollen. "So verschieden die Kontexte und die Gebäudesituationen in den Gemeinden sind, so unterschiedlich sind die Bedürfnisse nach größerer Vorsicht oder stärkeren Lockerungen der Entscheider vor Ort", sagte die Regionalbischöfin.

Ermuntern, nicht einschränken

Der Schwabacher Pfarrer Zellfelder geht aber noch einen Schritt weiter: Die Landeskirche solle die staatlichen Verordnungen "hinterfragen und nicht widerstandslos akzeptieren", fordert er. "In einer Gasstätte sitzen die Menschen auch ohne Maske zusammen. Eine absolute Sicherheit im Leben gibt es nicht", sagte er. Stattdessen sollten die Kirchengemeinden ausdrücklich dazu ermuntert werden, Freiräume für Gottesdienste und Gemeindeleben zu nutzen und nicht zusätzlich einzuschränken.

In seiner Resolution kritisiert der Kirchenvorstand St. Martin zudem, dass die Kirche mit ihren Corona-"Vorgaben" zur Ausgrenzung von Menschen und Polarisierung in der Gesellschaft beitrage. Das treffe, so Zellfelder, beispielsweise auf Personen mit geringem Einkommen zu, die sich keine regelmäßigen Selbsttests oder PCR-Tests leisten können, oder auf Menschen, die "für sich ein Problem mit dem Impfen sehen". Diese Menschen würden zu Christen zweiter Klasse gemacht.

Die Schwabacher Kirchengemeinde will nicht in die Nähe von "Impfgegnern" oder "Querdenkern" gerückt werden - und weist darauf hin, aktiv Maßnahmen zur freiwilligen Erhöhung der Impfquote zu unterstützen. So stelle man dem Impfzentrum Schwabach regelmäßig Räume in den Stadtteilzentren und im Evangelischen Haus für Sonderimpfaktionen zur Verfügung. Bei den ersten Sonderimpfterminen habe die Kirchengemeinde zudem jeweils für die ersten zehn Personen, die zur Impfung gingen, einen Zehn-Euro-Gutschein des Eine-Welt-Ladens gestiftet. Zellfelder selbst beteiligte sich außerdem an einer Impfkampagne der Stadt Schwabach.

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