Erklärung zu Missbrauchsfall in Gottesdiensten in Niedersachsen

Erklärung zu Missbrauchsfall in Gottesdiensten in Niedersachsen

Der evangelische Kirchenkreis Melle-Georgsmarienhütte in Niedersachsen hat am Sonntag einen Missbrauchsfall in der König-Christus-Gemeinde in Oesede in den 1970er Jahren zum Thema in den Gottesdiensten in der Region gemacht. Am Montag hatte die Betroffene unter dem Pseudonym Lisa Meyer öffentlich gemacht, dass ein angehender Diakon in der Gemeinde sie in den Jahren 1973 und 1974 sexuell missbraucht hatte. Sie will eine Aufarbeitung anstoßen und möglicherweise weiteren Betroffenen Mut machen, sich Gehör zu verschaffen.

In einer Erklärung des Meller Superintendenten Hannes Meyer-ten Thoren, die in Gottesdiensten verlesen werden sollte, heißt es: "Die Gewalttat eines kirchlichen Mitarbeiters und die Leidensgeschichte der Betroffenen haben uns sprach- und fassungslos gemacht." Verantwortliche in der Kirche hätten Fehler gemacht. "Einzelne, aber auch unsere Kirche als Institution, sind an Menschen schuldig geworden", schrieb Meyer-ten Thoren. So sei Verantwortung nicht ausreichend wahrgenommen worden, Täter- und Selbstschutz seien vor den Opferschutz gestellt worden. "Als Superintendent ist mir wichtig, dass sich die Verantwortlichen in unseren Kirchengemeinden und im Kirchenkreis eindeutig und solidarisch an die Seite der Betroffenen stellen."

In Oesede wollten der Osnabrücker Regionalbischof Friedrich Selter und die stellvertretende Superintendentin Gesine Jacobskötter im Anschluss an den Gottesdienst für Nachfragen und Gespräche bereitstehen. Lisa Meyer hatte am Montag vor Journalisten berichtet, wie der angehende Diakon sie 1973 zunächst im Jugendkeller der Kirchengemeinde Oesede gegen ihren Willen geküsst und im Intimbereich berührt hatte. Bei einer Freizeit 1974 habe er sie dann schwer missbraucht. Eine erwachsene Betreuerin, der sie sich anvertraute, habe sie der Lüge bezichtigt und Redeverbot erteilt.

Meyer wirft der evangelischen Kirche Versäumnisse im Umgang mit sexualisierter Gewalt vor. Der mutmaßliche Täter war von der Kirchengemeinde 1977 entlassen worden, nachdem in einem anderen Fall Vorwürfe gegen ihn laut geworden waren. Angezeigt wurde er nie, so ergeben es Akten. Dabei gehen Gemeinde und Kirchenkreis mittlerweile davon aus, dass es weitere Opfer gibt. Der Mann war unter anderem ehrenamtlich in einem Sportverein tätig. Er starb Mitte 2018.

Bereits im Jahr 2010 hatte Meyer den damaligen Regionalbischof Burghard Krause über ihren Fall informiert, der den Justiziar der Landeskirche Rainer Mainusch benachrichtigte. Sie kritisiert unter anderem, dass zu diesem Zeitpunkt die Gemeinde nicht informiert wurde. Mainusch verwies darauf, dass der Täter damals weder arbeits- noch strafrechtlich mehr hätte belangt werden können. Dennoch sei das Vorgehen aus heutiger Sicht falsch gewesen.

Die Oeseder Kirchengemeinde und der Kirchenkreis wollen den Fall jetzt durch unabhängige Experten aufarbeiten lassen.