Bischöfe rufen zu Hilfen für Afghanistan auf

Chaos am Kabuler Flughafen

©Rahmatullah Alizadah/XinHua/dpa

Trotz einiger Zeichen der Entspannung am Flughafen der afghanischen Hauptstadt Kabul harren dort weiterhin Tausende verzweifelte Menschen bei großer Hitze und teils chaotischem Gedränge aus.

Notlage in Afghanistan
Bischöfe rufen zu Hilfen für Afghanistan auf
Angesichts der Lage in Afghanistan rufen evangelische Bischöfe auf , den Menschen vor Ort schnell zu helfen. Im Nachhinein gebe es viele offene Fragen, was Fehleinschätzungen und überhörte Warnungen betreffe, sagte der Berliner Bischof Christian Stäblein.

"In Afghanistan spielt sich eine Tragödie ab. Mit Schrecken und mehr und mehr sichtbarem Verbrechen", erklärte Christian Stäblein, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz im Hörfunk des RBB.

Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln müsse nach der Machtübernahmen der Taliban als erstes jenen Menschen geholfen werden, "die sich auf uns verlassen haben, die Ortskräfte, die mit uns zusammen gearbeitet haben und die jetzt um ihr Leben fürchten". Darüber hinaus gebe es viele Fragen, sagte Stäblein - mit Blick etwa auf "Fehleinschätzungen der Lage", überhörte Warnungen oder Mängel beim Abzug der ausländischen Truppen. "Hinter und über dem allem schwebt dazu die ständige Frage: Welchen Sinn hatte das Engagement in Afghanistan überhaupt."

Im Rückblick müsse der ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, Recht gegeben werden. Käßmann hatte in ihrer Neujahrspredigt 2010 in der Dresdener Frauenkirche mit Blick auf den Nato-Einsatz gesagt: "Nichts ist gut in Afghanistan." Für diese Aussage musste sie viel Kritik einstecken. Damit habe Käßmann gemeint, dass dieser Einsatz offenkundig nicht den gewünschten Frieden schaffe, sagte Stäblein.

"Wir Kirchen wissen gerade aus der eigenen Missions- und Kolonialgeschichte, wie problematisch das Aufzwingen von Werten und Überzeugungen sein kann, wenn sie doch fremd sind, fremd bleiben", so Stäblein. Erzwingen gehe eben nicht, nur überzeugen ohne jede Form von Gewalt.

"Nichts ist gut in Afghanistan" - Bischof Christian Stäblein gibt Margot Käßmann für Ihre Aussage von 2010 Recht.

Auch die Bischöfin für Hamburg und Lübeck, Kirsten Fehrs, hat zu humanitärer Hilfe für Afghanistan aufgerufen. "Wir tragen Verantwortung - als Deutsche und als Europäer", sagte die Bischöfin in ihrer Predigt im Lübecker Dom laut Redemanuskript. Auch dafür, welches Gesicht die freiheitliche Gesellschaft jetzt zeige: Ob sie Grenzen und Zäune schließt, oder ob sie sich menschenfreundlich und verantwortungsbewusst zeigt.

Menschen in blanker Angst

Eine ganze Generation dieses jungen Landes Afghanistan sei inspiriert und geprägt worden von der Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben, so die Bischöfin weiter. "Keine Gewalt kann diese Hoffnung auslöschen. Daran glauben wir gemeinsam mit so vielen Menschen aller Religionen, auch mit Musliminnen und Muslimen." Die Hoffnung auf ein freies, friedliches und gerechtes Zusammenleben aller Menschen lebe weiter. "Auch in Afghanistan."

"Eine ganze Generation dieses jungen Landes Afghanistan ist inspiriert und geprägt worden von der Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben", sagt Bischöfin Kirsten Fehrs.

Die blanke Angst der Menschen vor dem brutalen Terror der Taliban gehe ihr sehr nahe. "Wir sind mit Gedanken und Gebeten, und wo immer wir können auch mit Worten und Taten an der Seite derer, die auf ein anderes Afghanistan gehofft und dafür gearbeitet haben."

Ermunterung für autoritäre Regime

Nach der Machtübernahme der Taliban hat auch das katholische Hilfswerk "Kirche in Not" an die internationale Gemeinschaft appelliert, sich für die Menschenrechte der afghanischen Bürger einzusetzen. "Wir gehen davon aus, dass insbesondere die Religionsfreiheit bedroht sein wird", teilte der deutsche Organisation von "Kirche in Not" in München mit. Alle Bewohner Afghanistans, die sich nicht den extremen islamistischen Ansichten der Taliban anschlössen, seien in Gefahr - selbst moderate sunnitische Muslime.

Das Hilfswerk befürchtet zudem eine Sogwirkung für diese Region der Welt. Bedauerlicherweise habe eine Reihe von Ländern schnell Sympathien für das neue Emirat geäußert. Das legitimiere nicht nur die Taliban. "Es wird auch andere autoritäre Regime weltweit und besonders in der Region ermutigen und zu zunehmenden Verstößen gegen die Religionsfreiheit in diesen Ländern führen", befürchtet "Kirche in Not".

Am 23. August findet um 18 Uhr in der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi (Speicherstadt) ein Friedensgebet für Afghanistan statt. Hauptpastorin Astrid Kleist gestaltet das Gebet gemeinsam mit der Flüchtlingsbeauftragten des Kirchenkreises Hamburg-West/Südholstein und Seelsorgerinnen.

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