Präses Latzel: Afghanen großzügig aufnehmen

Afghanische Flüchtlinge demonstrieren in Athen

© Nikolas Georgiou/ZUMA Press Wire/dpa

Afghanische Flüchtlinge demonstrieren in Athen für die Aufnahme von Ortskräften und deren Familien aus Afghanistan.

Krise am Hindukusch
Präses Latzel: Afghanen großzügig aufnehmen
Theologe sieht Militärinterventionen skeptisch
Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Thorsten Latzel, fordert eine großzügige Aufnahme von Menschen, die sich in Afghanistan für eine demokratische Gesellschaft eingesetzt haben.

Der Personenkreis sollte möglichst weit gezogen werden, sagte der Theologe dem Evangelischen Pressedienst (epd). Es gehe um Ortskräfte, für die Deutschland unmittelbare Verantwortung trage, und Mitarbeitende ziviler Hilfsorganisationen, aber auch um Frauenrechtlerinnen, Lehrer und andere Menschen, "die für den Aufbau einer offenen Gesellschaft gearbeitet haben und jetzt um Leib und Leben fürchten müssen". Hier sollte als Flüchtlingsgrund anerkannt werden, dass Menschen in Afghanistan keine Zukunft mehr für sich sehen.

Kritisch äußerte sich der leitende Theologe der zweitgrößten Landeskirche in Deutschland zu militärischen Inventionen, hier habe die Entwicklung in Afghanistan die Grenzen aufgezeigt: "Interventionen reichen nicht aus, um die Menschenrechte in anderen Ländern zu stärken." Besonders gravierend wirke sich das Fehlen einer klaren Exit-Strategie aus, die zu einem überhasteten Rückzug des Westens geführt habe.

Der Präses der rheinischen Landeskirche, Thorsten Latzel.

"Zugleich wird deutlich, dass es keinen wirklichen Rückhalt für die in den vergangenen 20 Jahren aufgebauten zivilen Strukturen gegeben hat", sagte Latzel. "Das Scheitern der Mission bedeutet einen Imageverlust des Westens und es stellt sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit unseres Handelns." Es sei ein Dilemma: "Wir merken schmerzlich die Grenzen eines Eingreifens von außen, wollen aber die Menschen in Afghanistan auch nicht der Macht der islamistischen Kräfte ausgesetzt sehen."

Höchste Achtung hat Latzel vor Menschen, die sich weiterhin dafür engagieren, der afghanischen Bevölkerung zu helfen. Inwieweit die Arbeit von Hilfsorganisationen unter den Taliban weiter möglich sei, müsse sich aber erst noch zeigen, sagte der 50-jährige Theologe, der seit März an der Spitze von knapp 2,4 Millionen rheinischen Protestanten steht. Auch im Blick auf die staatliche Entwicklungshilfe gelte es abzuwägen. "Leiten sollte uns die Frage: Was dient den Menschen vor Ort am meisten?", sagte Latzel. "Es muss ja darum gehen, die Bevölkerung zu unterstützen, ohne die Machtstrukturen der Unterdrücker zu stärken."

Die Bundesregierung hatte angekündigt, die Entwicklungshilfe für Afghanistan wegen der Machtübernahme der Taliban vorerst einzustellen. Auch der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell plädierte am Donnerstag für Einstellung der Entwicklungshilfe für das Land, "bis wir wissen, wer Afghanistan regiert und wie ihr Verhalten ist".

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