"Taliban wollen Diktatur im Namen des Islam"

Machtübernahme der Taliban-Kämpfer in Kabul

© Rahmat Gul/AP/dpa

Schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer patrouillieren zur Feier ihrer Machtübernahme durch Kabul. Außerdem erlangte Afghanistan am selben Tag vor 102 Jahren, am 19. August 1919, die Unabhängigkeit von Großbritannien.

Islamexperte Bülent Ucar
"Taliban wollen Diktatur im Namen des Islam"
Der islamische Theologe Bülent Ucar hält es für ausgeschlossen, dass die Taliban ihre derzeitigen Ankündigungen wahr machen und in Afghanistan eine zwar islamisch geprägte, aber weitgehend offene Gesellschaft einführen.

Das würde ihrer eigenen reaktionären Theologie widersprechen, sagte der Direktor des Instituts für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück dem Evangelischen Pressedienst (epd). Dass die Taliban sich derzeit pragmatisch zeigten, sei eher der Weltöffentlichkeit geschuldet und werde nur eine Übergangsphase sein. "Das, was wir in Afghanistan sehen werden, wird eine Diktatur von islamischen Theologen sein. Eine solche Gelehrsamkeitsdiktatur im Namen des Islam verheißt nichts Gutes."

Es sei letztlich nur die Frage, wie extrem der Schritt zurück in den mittelalterlichen Ursprung der Islamischen Theologie ausfallen werde, betonte Ucar. Dabei gehe es aber nur um graduelle Unterschiede. Sicher sei, dass essentielle Menschenrechte außer Kraft gesetzt würden: "Dass Frauen- und Minderheitenrechte ganz klar eingeschränkt werden, dass ein rigoroser Umgang im Strafrecht eingeführt wird, ist ausgemachte Sache."

Gegenbewegung zur Moderne

Die Ideologie der Taliban habe sich aus dem Zusammentreffen der Islamischen Theologie mit der Aufklärung und der Moderne im 19. Jahrhundert entwickelt, erläuterte der Professor, der seine Habilitationsschrift über religiöse Normen und ihre Rezeption in der Moderne verfasst hat. Einige Intellektuelle und Gelehrte hätten sich damals kritisch mit den islamischen Traditionen auseinandergesetzt. Als Gegenbewegung dazu seien traditionalistische und fundamentalistische Strömungen wie die der Taliban entstanden, erläuterte Ucar: "Sie wollen eins zu eins die Quellen und den Traditionsbestand ohne jegliche intellektuelle Transferleistungen aus dem Mittelalter in unsere Gegenwart übertragen."

Ucar betonte, die Taliban zeigten damit auf abschreckende Weise, wie wichtig es sei, diesen klassischen Traditionsbestand unter den sich verändernden Lebensbedingungen immer wieder neu zu reflektieren und innovativ anzupassen. "Das zeigt auch uns Muslimen in Europa, dass die Quellen, die ja auch unsere Quellen sind, theologisch verantwortbar weitergedacht werden müssen." Wenn die Tradition statisch wahrgenommen werde, könne das zu einer absoluten Pervertierung von Religion führen.

Als Folge der aktuellen Entwicklung in Afghanistan würden sich zahlreiche Menschen vom Islam entfremden, prophezeite der Theologe. Andere würden sich opportunistisch anpassen, wieder andere das Land verlassen. Weltweit seien die Signale verheerend. "In den Köpfen der Menschen wird hängenbleiben, dass der Islam für Mittelalter, Rückständigkeit und Steinzeit steht." Er warnte auch davor zu glauben, dass unter den Afghanen viele Befürworter der Taliban seien. Die meisten würden sich eher aus Angst vor Vergeltung nicht wehren und weil sie sich nach über 40 Jahren Krieg den Frieden herbeisehnten.

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