Afghanischer Frauenverein will Hilfsprojekte fortsetzen

Kinderprojekte in Kunduz

© Afghanischer Frauenverein e.V.

Schule bei Kunduz des Afghanischen Frauenvereins, in der die Schüler aktuell die Halbjahresprüfungen ablegen und in der in den vergangenen Tagen Corona-Nothilfepakete verteilt wurden.

Trotz Machtübernahme der Taliban
Afghanischer Frauenverein will Hilfsprojekte fortsetzen
Der Afghanische Frauenverein will seine Hilfsprojekte in Afghanistan trotz der Machtübernahme der Taliban weiterführen: "Wir sind für die Zivilisten da. Wir können unsere Arbeit nicht stoppen. Die Menschen brauchen unsere Hilfe."

Die Vorsitzende des in Hamburg ansässigen Vereins, Nadia Nashir, sagte am Montag dem epd, aufgrund der aktuell schwierigen Sicherheitslage seien derzeit zwar elf der 14 Projekte vorübergehend gestoppt. "Aber unsere Mitarbeiter wollen im Land bleiben und den Menschen weiter helfen."

Der 1992 gegründete Verein unterhält überwiegend in ländlichen Bereichen Mädchenschulen und Krankenhäuser, baut Brunnen, leistet Nothilfe für Binnenvertriebene und fördert Mädchen und Frauen in extremer Not. Zwei Kliniken etwas außerhalb von Kabul und eine Schule in Kunduz, die der Verein betreibe, arbeiteten derzeit weiter, berichtete Nashir. Alle anderen Projekte befänden sich "in Wartestellung". Am Montag seien wegen der unsicheren Lage ohnehin viele Geschäfte, Banken, Schulen und Einrichtungen geschlossen gewesen.

Es werde unter einer Taliban-Regierung nicht einfacher werden für die Hilfsorganisationen, sagte die Vereinsvorsitzende: "Es wird alles strenger und konservativer werden, vor allem für die Frauen." Aber es sei wichtig, mit den Dorfältesten und wenn nötig auch mit den Taliban im Gespräch zu bleiben. Nashir wies auch die Vermutung zurück, viele Afghanen würden jetzt nach Europa flüchten. "Die Menschen wollen ihr Land nicht verlassen. Das trifft höchstens auf einen ganz kleinen Bruchteil zu."

Die Vorsitzende, die 1955 in Kabul geboren wurde und mit 20 Jahren nach Deutschland kam, appellierte an die Bundesregierung, sich für Verhandlungen und einen Stopp von Waffenlieferungen in das Land einzusetzen. "Wir brauchen einen politischen Dialog und diplomatische Beziehungen. Wir brauchen finanzielle, wirtschaftliche und politische Hilfe." Frieden werde es nur auf dem Verhandlungswege mit den Taliban und allen beteiligten Ländern geben.

Nashir kritisierte die Drohung von Außenminister Heiko Maas (SPD), die Entwicklungshilfe einzustellen, falls die Taliban ein Kalifat in Afghanistan errichten sollten. "Das geht wieder auf Kosten der Zivilisten." Die politischen Konflikte dürften nicht auf dem Rücken der Menschen ausgetragen werden. Der nächste harte Winter stehe bevor. "Das wird eine humanitäre Katastrophe."

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Stichwort: Scharia - Scharia bezeichnet das islamische Rechtssystem, das jedoch nicht einheitlich kodifiziert ist. Das Wort kommt aus dem Arabischen und hat sich als Begriff für die "göttliche Ordnung" durchgesetzt. Fast alle islamischen Staaten wenden die Scharia aber nur im Personen- und Familienrecht an. Bei Straftaten gelten meist andere Gesetze. In die Schlagzeilen gerät die Scharia nun wieder, weil die radikalislamistischen Taliban in Afghanistan nach ihrer Machtübernahme angekündigt haben, dass die Scharia in einem "Islamischen Emirat Afghanistan" gelten solle.

Das kann etwa bedeuten, dass Frauen nur noch vollverschleiert und in Begleitung einer männlichen Person in die Öffentlichkeit dürfen oder keine Schulen besuchen dürfen - ähnliche Regeln galten bereits in den 90er Jahren, als die Taliban in Afghanistan schon einmal die Herrschaft übernommen hatten.

In der Tat bekennen sich die Taliban zu den sogenannten Hadd-Regeln (Plural: Huddud). Hadd-Verbrechen bedeutet übersetzt "Grenzvergehen". Es sind Vergehen, die als Verbrechen gegen Gott gelten. Zu den schwersten zählen etwa Ehebruch, außerehelicher Geschlechtsverkehr, Abtrünnigkeit vom Glauben, Alkohol trinken, Raub und Diebstahl. Die Scharia definiert dafür schwere Strafen, beispielsweise die Steinigung bei Ehebruch, Stock- und Peitschenhiebe beim Genuss von Alkohol oder dem Konsum anderer Drogen und die Todesstrafe bei einer Abkehr vom Islam.

Doch auch wenn viele islamisch geprägte Staaten die Scharia anwenden, sind die Interpretationsspielräume enorm - etwa was die Rechte von Frauen angeht. Denn auch dort, wo die Scharia Freiräume lässt etwa bei Bildungschancen, verstellen strenge traditionelle und kulturelle Normen Frauen oft den Weg.

Das islamische Recht leitet sich aus mehreren Quellen ab: dem Koran und der Tradition des Propheten ("Sunna"). Die Lebensweise und die Worte Mohammeds ("Hadith") wurden erst mündlich überliefert und dann in verschiedenen Schriftensammlungen niedergelegt. Sie spielen für den Alltag der Gläubigen eine wichtige Rolle, da im Koran viele Aspekte des täglichen Lebens nicht klar geregelt sind. Hinzu kommen theologische Interpretationen. Die Scharia, so wie sie heute aufgefasst wird, wurzelt in Regelungen einiger Rechtsfragen aus der Zeit der arabischen Stammesgesellschaften des 7. und 8. Jahrhunderts, die durch Theologen und Juristen bis zum 10. Jahrhundert normativ ausgelegt wurden und in der Etablierung von mehreren Rechtsschulen mündeten, unter denen die schiitischen und die sunnitischen unterschieden werden.