Taliban übernehmen die Macht in Afghanistan

Taliban übernehemen Hauptstadt Kabul

© Zabi Karimi/AP/dpa

Taliban-Kämpfer sitzen in einem Raum des Präsidentenpalastes am 15.08.2021.

EKD-Friedensbeauftragter ist bestürzt
Taliban übernehmen die Macht in Afghanistan
Die Taliban haben den Krieg am Hindukusch für beendet erklärt. Westliche Länder fliegen ihre Staatsangehörigen und afghanische Helfer aus. Am Flughafen Kabul spielen sich chaotische Szenen ab. Der EKD-Friedensbeauftragte Brahms verlangte eine kritische Auseinandersetzung mit dem Militäreinsatz in Afghanistan.

Zwanzig Jahre nach dem Ende ihres Schreckensregimes haben die Taliban erneut die Macht in Afghanistan übernommen. "Der Krieg ist vorbei", sagte Taliban-Führer Mohammed Naim dem TV-Sender Al Dschasira. Taliban-Kämpfer kontrollierten am Montag alle Polizei-Checkpoints in Kabul. Ein Taliban-Sprecher bezeichnete die Lage in der Hauptstadt auf Twitter als "normal". Am Sonntag hatten die Aufständischen den Präsidentenpalast in Kabul eingenommen, nachdem Staatschef Aschraf Ghani aus Afghanistan geflohen war.

Derweil lief die Evakuierung deutscher Staatsbürger und örtlicher Bundeswehr-Helfer an. Im niedersächsischen Wunstorf startete am Montag ein erstes Bundeswehr-Transportflugzeug vom Typ A400M nach Kabul. "Fest steht: Es ist ein gefährlicher Einsatz für unsere Soldatinnen und Soldaten", twitterte das Verteidigungsministerium. Oppositionspolitiker kritisierten die Rückhol-Mission als verspätet.

EKD betsürzt über schnellen Machtwechsel

Der Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Renke Brahms, hat eine kritische Auseinandersetzung mit dem Militäreinsatz in Afghanistan gefordert. Zunächst müsse aber den gefährdeten Menschen schnell, konkret und unbürokratisch geholfen werden, sagte Brahms am Montag dem epd. "Meine Gedanken sind bei allen Menschen in Afghanistan, die in den vergangenen Jahren das Land mit entwickelt haben und nun fürchten müssen, dass alles zunichte gemacht wird."

Er sei bestürzt über die schnelle Übernahme der Macht durch die Taliban in dem Land am Hindukusch, sagte er. Dadurch seien viele Menschenleben gefährdet. "Ich denke besonders an die Ortskräfte, die mit der Bundeswehr und anderen Organisationen zusammengearbeitet haben und die nun um ihr Leben fürchten, weil ihnen nicht rechtzeitig geholfen wurde", sagte Brahms. Es gehe aber auch um Menschenrechtsaktivistinnen und andere gefährdete Gruppen. "Ihnen die Flucht zu ermöglichen und sie aufzunehmen, ist jetzt oberstes Gebot der Nächstenliebe." Er hoffe, dass noch vielen die Flucht möglich sei.

Am Sonntag war das Personal der deutschen Botschaft an den militärisch gesicherten Teil des Flughafens in Kabul verlegt worden. Außenminister Heiko Maas (SPD) zufolge sollte noch ein Teil von ihnen am Sonntag ausgeflogen werden. Ein operatives Team werde dort bleiben, um die Handlungsfähigkeit zu erhalten, sagte Maas.

Am Flughafen von Kabul befanden sich am Montag Tausende Menschen, die verzweifelt versuchten, einen Platz in einem Flugzeug zu finden, um Afghanistan zu verlassen. Auf Fernsehbildern ist zu sehen, wie Hunderte in Panik zwischen stehenden Flugzeugen hin- und herlaufen. US-Soldaten gaben Warnschüsse ab, um zu verhindern, dass Menschen die Landebahn blockieren. US-Spezialkräfte sollten die Evakuierung westlicher Diplomaten sichern.

Ein drittes Transportflugzeug vom Typ Airbus A400M der Luftwaffe hebt am Vormittag auf dem Fliegerhorst Wunstorf in der Region Hannover am 16.8.2021 ab.

Der Leiter des Kabuler Büros von Caritas International, Stefan Recker, sieht für sich selbst keine Gefahr durch die Machtübernahme, äußerte im WDR5-"Morgenecho" aber Sorge um seine nationalen Teammitglieder. Viele seiner Mitarbeitenden gehörten ethnischen beziehungsweise religiösen Minderheiten an, sagte Recker, der seit 2014 in Kabul ist. Sie hätten "natürlich große Angst" und wüssten nicht, wie es weitergehe.

Der Machtübergang wird Reckers Ansicht nach allerdings "relativ friedlich" verlaufen. Unklar sei, wie es dann weitergehe. Es komme darauf an, welche Fraktion sich durchsetze. "Wir sehen aus Europa heraus Taliban immer als eine homogene Gruppe - das sind sie nicht", unterstrich Recker. "Es gibt da ganz verschiedene Strömungen." "Momentan sind natürlich alle unsere Projekte hier in Kabul auf Eis", erklärte Recker. In den Provinzen liefen die Projekte teilweise weiter. "Die Taliban sind da sehr sehr empfänglich für Hilfsmaßnahmen", sagte er. "Sie haben uns aktiv gebeten, die Hilfsmaßnahmen durch unsere Partner fortzusetzen."

Kritik von Grünen, FDP und SPD

Der Grünen-Politiker Jürgen Trittin warf der Bundesregierung eine Mitverantwortung für die Entwicklung in Afghanistan vor. Sie habe deutsche Soldaten immer wieder wider besseres Wissen und ohne eine politische Strategie in einen lange verlorenen Einsatz ziehen lassen, sagte Trittin dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland" (Montag). Außenminister Maas müsse im Bundestag erläutern, "wie es zu diesem Versagen in einem so absehbaren Fall kommen konnte".

Der FDP-Außenpolitiker Alexander Graf Lambsdorff kritisierte Versäumnisse der Bundesregierung bei der Evakuierung früherer Bundeswehr-Helfer. Es sei "beschämend", dass die Bundesregierung unfähig gewesen sei, Ortskräften beispielsweise in Masar-i-Sharif eine rechtzeitige Ausreise zu ermöglichen.

Auch in den Regierungsparteien regt sich Kritik. Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius (SPD) zeigte sich erstaunt, dass die Verteidigungsministerin "sich offensichtlich jetzt erst Gedanken über die Evakuierung macht. Die Ortskräfte befinden sich in akuter Lebensgefahr, das war absehbar", sagte er der "Welt".

Der verteidigungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Johann Wadephul, kündigte eine kritische Aufarbeitung der Vorgänge in Afghanistan an. "Es wird immer deutlicher, wie verheerend die Auswirkungen des überhasteten Abzugs der internationalen Streitkräfte aus Afghanistan sind", sagte Wadephul der "Welt".

Bundesregierung räumt falsche Einschätzung ein 

Deutschland arbeitet nach Worten von Regierungssprecher Steffen Seibert daran, alle deutschen Staatsbürger und so viele schutzsuchende afghanische Ortskräfte "wie möglich" aus Afghanistan heraus und in Sicherheit zu bringen. Einem Sprecher des Auswärtigen Amtes zufolge gelang dies bislang bei rund 1.900 Afghanen und deren Angehörigen, die für Bundeswehr, die deutsche Polizei oder andere deutsche Behörden und Organisationen gearbeitet haben. Mehrere Tausend Personen wurden demnach aber noch nicht evakuiert. Der Ministeriumssprecher räumte ein, "unsere Einschätzung", wie sich die Lage am Hindukusch entwickeln würde, "war falsch". Da gebe es nichts zu beschönigen.

Laut Außenamt haben am Sonntag 40 Mitarbeiter:innen der Botschaft in Kabul Afghanistan verlassen und sind in Katar angekommen. Ein "operatives Kernteam" der Botschaft sei am Flughafen von Kabul vor Ort, um weitere Flüge zu koordinieren. Laut Verteidigungsministerium nehmen drei deutsche Militärmaschinen an der Evakuierungsaktion teil. Nach Angaben eines Sprechers soll der für den 31. August vorgesehene Große Zapfenstreich zum Ende des Afghanistan-Einsatzes verschoben werden. Denn die Bundeswehr sei "noch mitten in einer Operation".

Zu den afghanischen Beschäftigten deutscher Medienhäuser hielt sich der Sprecher des Außenministeriums bedeckt. Man sei sich dieses Personenkreises bewusst, sagte er. 

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