Druck auf freiwillig Ungeimpfte wächst

Druck auf freiwillig Ungeimpfte wächst
Weil sich immer weniger Menschen impfen lassen, denkt die Politik über Lösungen nach. Eine Impfpflicht bleibt unwahrscheinlich. Aber Bundestagspräsident Schäuble hält gesellschaftlichen Druck für richtig.

Mit zunehmendem Impffortschritt wächst der Druck auf jene Menschen in Deutschland, die sich nicht gegen Covid-19 impfen lassen wollen. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) sagte, Geimpfte und Genesene könnten nicht dauerhaft allen Beschränkungen unterworfen werden, "die für Nichtgeimpfte gelten müssen, um die Pandemie zu bekämpfen". Er sehe auch keine verfassungsrechtlichen Probleme für eine unterschiedliche Behandlung.

Schäuble mahnte in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Donnerstag), alle sollten sich stärker mit der Frage auseinandersetzen, welche Folgen eine Impfverweigerung für die Mitmenschen hätte. "Das sollte durchaus Thema im Freundes- und Bekanntenkreis sein, dass diejenigen, die nicht mitmachen, obwohl sie es könnten, ein schlechtes Gewissen bekommen. Ein gewisser gesellschaftlicher Druck wäre aus meiner Sicht nicht verkehrt." Mit Blick auf die sinkende Impfquote fügte er hinzu: "Ich kann die mangelnde Impfbereitschaft nicht nachvollziehen, das macht mich maßlos traurig."

Der Medizinrechtler Alexander Ehlers sagte, eine Entscheidung gegen eine Impfung sei individuell, habe aber Konsequenzen. Es gehe nicht um Privilegien für Geimpfte, sondern um Freiheitsrechte, erklärte er im Deutschlandfunk. Wenn diese für Ungeimpfte im öffentlichen Raum eingeschränkt seien, Tests kostenpflichtig würden oder eine Quarantäne verhängt werde, sei das eine Motivation, sich impfen zu lassen. Er hält es auch für möglich, bestimmte Berufsgruppen wie medizinisches Personal oder Lehrer zu einer Impfung zu verpflichten. Eine generelle Impfpflicht sei hingegen verfassungsrechtlich sehr kritisch.

Auch der Dortmunder Immunologie-Professor Carsten Watzl hält es in bestimmten Situationen für vertretbar, Geimpfte anders zu behandeln als Ungeimpfte mit negativem Corona-Test. "Bei hohen Inzidenzen kann es durchaus sinnvoll sein, bestimmte Veranstaltungen auf Geimpfte zu begrenzen, um ein Superspreading-Ereignis zu vermeiden", sagte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie der "Kölnischen Rundschau" (Donnerstag). Schnelltests seien nicht 100-prozentig zuverlässig.

Eine Impfquote von 85 Prozent mit dem Ziel der Herdenimmunität hält Watzl nicht für erreichbar. Daher müssten andere Schutzmaßnahmen bestehen bleiben, und eine Ausweitung der Maskenpflicht sei denkbar. Außerdem dürfte es für ältere Patienten über 80 Jahre und Vorerkrankte bereits im Herbst erforderlich sein, sich erneut zu impfen.

Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) rief die Veranstaltungsbranche zur Unterstützung der Corona-Impfkampagne auf. "Jetzt ist Kreativität und Ideenreichtum gefragt", etwa durch mobile Impfteams vor Kulturveranstaltungen, sagte Lederer, der auch Vorsitzender der Kulturministerkonferenz ist, im RBB-Inforadio.

Der Bundesverband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung appellierte an die Bevölkerung. "Wir sind als Christen verpflichtet, nicht nur uns, sondern auch unsere Mitmenschen zu schützen. Jeder von uns hat eine moralische und ethische Impfpflicht", sagte der Verbandsvorsitzende Josef Ridders in Essen. Eine allgemeine Impfpflicht sei für ihn aber nur als letztes Mittel "sinnvoll und durchsetzbar".

Am Mittwoch sind laut "Impfdashboard" von Bundesgesundheitsministerium und Robert Koch-Institut bundesweit knapp 649.000 Impfdosen verabreicht worden. Die bisher meisten Impfungen an einem Tag gab es am 9. Juni mit mehr als 1,4 Millionen Dosen. Mit Stand Mittwoch waren 50,9 Prozent der Gesamtbevölkerung vollständig geimpft.