Wo der Sünder auf dem Thron sitzt

Pfarrerin Susanne Thurn in Wallfahrtskirche St. Helena zu Großengsee (Landkreis Nürnberger Land)

© epd-bild/Timo Lechner

Pfarrerin Susanne Thurn im Inneren der Kirche St. Helena.

Dorfkirche Großengsee
Wo der Sünder auf dem Thron sitzt
Hätte die Nürnberger Patrizierfamilie Tucher 1574 nicht das Patronat über St. Helena in dem Ort Großengsee übernommen, wer weiß, wie die kleine Wallfahrtskirche heute dastünde? In diesen Wochen wird die erste urkundliche Erwähnung der heute evangelischen Kirche im Jahr 1421 gefeiert.

Pfarrerin Susanne Thurn betreut 1100 Evangelische in Großengsee, einem kleinen Ortsteil von Simmelsdorf (Landkreis Nürnberger Land). Man kennt sich. Die Kirche ist einer der gesellschaftlichen Mittelpunkte der Region, ein Posaunenchor übt fleißig, Konfirmanden engagieren sich ebenso wie die älteren Gemeindeglieder. "Durst haben wir alle, jeder hat Sehnsüchte, die gestillt werden müssen. Da können wir als Kirche noch etwas bieten", spielt Thurn auf das Motto des Jubiläums "Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke" an. Sie hoffe, dass sich die Menschen gerade in diesen Tagen, die immer noch von vielen Einschränkungen geprägt seien, das Kirchenjubiläum zum Anlass nehmen, St. Helena ein Stück weit als Durststiller wiederzuentdecken.

Ein Nachmittag für Kinder ist ganz der Namensgeberin Helena gewidmet, die als Mutter des römischen Kaisers Konstantin des Großen der Legende nach im Jahr 326 Reste des Jesus-Kreuzes in Jerusalem gefunden hatte und fortan für die Ausbreitung des Christentums sorgte. Auf ihre Initiative geht letztlich die Grabeskirche in Jerusalem zurück. Ihre Geschichte wird auf dem spätgotischen Altar, der in dem großzügigen Chorraum von St. Helena steht, in eindrucksvollen Bildern nacherzählt. Über dem Chorbogen hängt ein Kreuz, vermutlich aus der Schule von Veit Stoß (1447 - 1533).

In der Kirche finden bis zum Abschlussgottesdienst der Feierlichkeiten am 15. August auch Seniorennachmittage, ein Konzert mit dem Ensemble "Sed Vivam" mit Musik aus Mittelalter und Renaissance, ein Familienkino mit anschließender Taschenlampenführung oder ein Mundartgottesdienst sowie Vorträge zu den Kunstwerken statt.

Generalsanierung bezahlt

Im Fokus steht dabei auch der lutherische Beichtstuhl aus dem Jahr 1708, der eher an einen Thron erinnert. Mit diesem seltenen Exemplar, wie man es in einer evangelischen Kirche kaum vermuten würde, hat es eine besondere Bewandtnis: Auf ihm sitzt nicht der Geistliche, der die Beichte abnimmt, sondern der Beichtende selbst.

Von 1574 bis zum Jahr 2000 hatte hat die Nürnberger Patrizierfamilie Tucher das Patronat über die Wallfahrtskirche St. Helena zu Großengsee inne.

Allerdings hat Susanne Thurn hier noch keinem Gemeindemitglied die Beichte abgenommen. Der evangelische Beichtstuhl ist eines der Kunstwerke der Kirche, wie auch die zahlreichen Wappen der Familie Tucher, die bis zum Jahr 2000 das Patronat über das Gotteshaus innehatte und "zum Abschied" eine Generalsanierung finanziell unterstützt hatte. Dementsprechend steht St. Helena im Jubiläumsjahr baulich noch sehr gut da.

Die Patrizier sorgten nicht nur dafür, dass die evangelische Lehre in der Region gepflegt wurde. Auch die allerorts umgreifenden Plünderungen und Schändungen während des Dreißigjährigen Krieges blieben dank der Familie aus, da die Kirche zwischen 1629 und 1651 verriegelt war. Ein Christoph Bonaventura Tucher hatte in den Jahren 1686/87 hier angeblich als Pfarrer gewirkt.

Mit der Familie Tucher steht Thurn auch heute noch in gutem Kontakt. Nicht zuletzt dient das 1672 entstandene Tuchersche Herrenhaus als Pfarrhaus. Lediglich die Sanduhr auf der Kanzel, die nach einer Dreiviertelstunde durchgelaufen war und somit dem Pfarrer die Länge seiner Predigt vor Augen führte, sei beim Ende des Patronats mitgenommen worden.

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