ÖKT-Diskussion: Wie sichtbar ist Kirche in der Gesellschaft?

Kirchturm wird umschwirrt von unruhigen Vögeln

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Politiker, Journalisten, aber auch Gläubige werfen den Kirchen vor, sie seien gerade zu Beginn der Pandemie zu wenig sichtbar gewesen.

ÖKT-Diskussion: Wie sichtbar ist Kirche in der Gesellschaft?
Die Kirchen tragen zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei, sie können trösten - wie etwa beim Gedenken an die Corona-Toten. Und sie bringen sich in ethische Debatten ein - zum Segen für die Gesellschaft. So sieht es Annette Kurschus, Präses der Westfälischen Landeskirche.

Doch offenbar wird der Segen in der Öffentlichkeit nicht mehr deutlich wahrgenommen. Am Samstagnachmittag ging es beim Podium "Öffentlichkeit und Religionen in einer pluralen Gesellschaft" zum 3. Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt am Main eben auch um den mehrfach von Politikern, Journalisten, auch von Gläubigen erhobenen Vorwurf, die Kirchen seien gerade zu Beginn der Pandemie zu wenig sichtbar gewesen.

Kurschus fragte zurück: Was genau waren denn die Erwartungen? Da die Kritiker nicht in der Runde saßen, konnte man sie nicht fragen. Aber vielleicht liegt es ja daran: "Religion ansich wird in der Öffentlichkeit zunehmend als problematisch wahrgenommen", sagte die Religionspädagogin Lamya Kaddor, die Ablehnung entzünde sich zwar oft am Islam, treffe aber auch die Kirchen. Erschwerend komme hinzu, dass in der Öffentlichkeit nur noch "Entweder-Oder-Debatten" geführt würden, differenzierte Stimmen kämen kaum noch durch.

Räume für Debatten bieten

"Ja, es gibt in der Gesellschaft nicht mehr viele öffentliche Orte, wo politische Gegensätze miteinander ins Gespräch kommen", sagte der SPD-Politiker und bekennende Katholik Wolfgang Thierse, und ein bisschen klang es wie ein Stoßseufzer. Thierse war kürzlich selbst zwischen die identitätspolitischen Fronten geraten. Er sieht gerade die Kirchengemeinden in der Pflicht, Räume für differenzierte Debatten zu öffnen.

Auch der schulische Religionsunterricht sei enorm wichtig für eine plurale Gesellschaft, darin waren sich die Diskutant:innen einig. Denn im Religionsunterricht lernten Schüler:innen, Wahrheitsansprüche der Religionen zu hinterfragen - auch der eigenen Religion, sagte Präses Annette Kurschus.

Jugendliche, und besonders auch muslimische Jugendlichen hätten ein großes Bedürfnis, sich über Transzendenz, Glauben und Sinnfragen auszutauschen, weiß die Religionslehrerin Lamya Kaddor - und forderte, dass Schüler:innen ab der 7. Klassen einen gemeinsamen Religionsunterricht besuchen sollten. "Ich kann nur glauben, wenn ich ein Gegenüber habe. Mein Glaube regelt das Verhältnis von mir zu Gott und von mir zu anderen Menschen", sagte Kaddor. Anstatt Verdrängungskämpfe zu führen, müssen wir "in der pluralen Gesellschaft näher zusammenrücken."