TV-Tipp: "Tatort: Macht der Familie"

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TV-Tipp: "Tatort: Macht der Familie"
Sonntag, 18. April, ARD, 20.15 Uhr
In seinem zweiten "Tatort"-Film mit dem Bundespolizei-Duo Falke und Grosz erzählt Autor und Regisseur Niki Stein eine Geschichte, die genug Stoff für einen Zweiteiler böte. "Macht der Familie" ist kein Krimi, den man mal eben weggucken kann.

Schon der Auftakt setzt ein klares Zeichen: Uniformierte Polizisten, darunter auch Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring), tragen einen mit der deutschen Flagge geschmückten Sarg aus einem Flugzeug. Es folgen weitere Erzählebenen: Ein Video-Telefonat zeigt eine Frau, die ihrem Mann vorwirft, er sei nur noch ein Phantom für sie; Grosz (Franziska Weisz) wird zur Hauptkommissarin befördert; die Bundespolizei hat einen verdeckten Ermittler auf einen russisch-ukrainischen Waffenhändler angesetzt.

Es dauert eine Weile, bis sich diese verschiedenen Handlungsstränge, die zudem auf unterschiedlichen Zeitebenen stattfinden, zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammensetzen. Außerdem vermittelt Stein viele Hintergrundinformationen; "Macht der Familie" ist wahrlich kein Krimi, den man mal eben weggucken kann.

Den Rahmen des Films bildet die zwölf Monate lang vorbereitete Aktion mit dem verdeckten Ermittler, der sich als Abgesandter der kurdischen Widerstandsgruppe Peschmerga ausgibt und bei Victor Timofejew (Wladimir Tarasjanz) für zwei Millionen Euro Flugabwehrraketen kaufen soll. Die frisch beförderte Grosz leitet den Einsatz, der jedoch völlig aus dem Ruder läuft: Der Deal findet nicht wie erwartet im Hamburger Hafen statt; stattdessen besteigen der Bundespolizist und Timofejews Neffe Nicolai (Jakub Gierszal) einen privaten Jet Richtung Zypern, wo das Flugzeug jedoch nie ankommen wird.

Falke und Grosz suchen nun nach dem Mörder ihres Kollegen. Die Spur führt zunächst ins Herz des Timofejew-Clans: Der Patriarch wollte nicht etwa seinen Sohn, den seiner Ansicht nach weltfremden Literaturliebhaber Andrej (Nikolay Sidorenko), sondern Nicolai zum Nachfolger aufbauen; aber der wollte aussteigen.

Bei den Ermittlungen hofft Grosz auf die Unterstützung von dessen Schwester, Marija (Tatiana Nekrasov). Der alte Timofejew hatte die beiden nach dem Suizid ihres Vaters wie seine eigenen Kinder großgezogen, doch Marija hat sich von ihm losgesagt und ist Polizistin geworden. Nun wird sich zeigen, ob Wasser doch dicker sein kann als Blut; plötzlich wirkt die Vorgeschichte mit dem verdeckten Ermittler wie ein sehr langer Prolog für ein tödliches Familiendrama.

Der Anspruch des Films bewegt sich nicht nur wegen der diversen Tolstoi- und Dostojewski-Zitate deutlich über dem Niveau der im Sonntagskrimi oft üblichen Beziehungstaten. Im Grunde folgt Steins Drehbuch dem sogenannten Anna-Karenina-Prinzip: Damit eine Familie glücklich ist, müssen viele Faktoren stimmen; für Unglück genügt jedoch ein einziger.

Der eigentliche Reiz der ungemein dicht inszenierten Geschichte liegt daher im Mit- und Gegeneinander der Figuren, denn auch Falke und Grosz geraten schwer aneinander: Falke war während seiner Zeit beim LKA Marijas Vorgesetzter und hat volles Vertrauen zu ihr, ganz im Gegensatz zu Grosz, die der für Alleingänge und eigenwillige Methoden bekannten Kollegin nicht traut und sie überwachen lässt. Die Handlung bietet ohnehin eine fesselnde Mischung aus vorder- und hintergründiger Spannung, zumal die Familienbande eine immer größere Rolle spielen: Anscheinend will irgendjemand den gesamten Timofejew-Clan beseitigen; und damit auch Marija.

Stein (zuletzt "Louis van Beethoven", ARD 2020), für das Scientology-Drama "Bis nichts mehr bleibt" (2010) mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet, hat mit Möhring und Weisz bereits "Dunkle Zeit" (2017) gedreht, einen mutigen und brisanten NDR-"Tatort" über eine Rechtspopulistin, die scheinbar nur knapp einem Mordanschlag entkommen ist.

Der Regisseur setzt sich in seinen Krimis ohnehin regelmäßig mit großen Themen auseinander. Der erste "Tatort", bei dem er für Buch und Regie verantwortlich war, befasste sich mit dem internationalen Kinderhandel ("Manila", WDR 1998); in "Hal" (2016), einem faszinierenden "Tatort" aus Stuttgart, ging es um die Gefahren künstlicher Intelligenz.

Stein arbeitet nach Möglichkeit mit Arthur W. Ahrweiler zusammen, der auch bei "Macht der Familie" für die Bildgestaltung verantwortlich war; gerade zu Beginn lassen die häufigen Perspektiv- und Schauplatzwechsel den Film optisch aufwändiger als gewöhnliche TV-Produktionen wirken. Andererseits gibt es immer wieder kammerspielartige Szenen, in denen die Mitwirkenden unter Steins Führung auf engem Raum große Wirkung entfalten. Ahrweiler sorgt in diesen Momenten dennoch für Dynamik, weil Stein bei den Gesprächen nicht wie üblich von einem zum anderen schneidet, sondern die Kamera zwischen den Dialogpartnern hin und her schwenken lässt.

Der Auftakt ist auch deshalb enorm spannend, weil Grosz bei ihrer ersten Einsatzleitung verständlicherweise unter großem Druck steht und entsprechend nervös wird, als die Aktion komplett aus dem Ruder läuft. Respekt gebührt Stein zudem dafür, dass er den Part der Episodenhauptfigur Tatjana Nekraso anvertraut hat. Sie spielt hier ihre erste große Rolle; es wird nicht ihre letzte sein.

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