Zusammen Abschied nehmen

Zusammen Abschied nehmen
Steinmeier wirbt für gemeinsames Gedenken an die Corona-Toten
Mehr als 71.500 Menschen sind bislang in Deutschland nach einer Corona-Infektion gestorben. Mit einigen Angehörigen sprach Bundespräsident Steinmeier am Freitag. Er warb erneut für ein gemeinsames Gedenken.
05.03.2021
Von Jürgen Prause (epd)
epd

"Und dann habe ich zugesehen, wie mein Kind gestorben ist." Mit gebrochener Stimme berichtet Michaela Mengel im Gespräch mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vom Leiden und Tod ihrer Tochter Annalena, die nach einer Covid-19-Infektion im Januar in einer Klinik gestorben ist. Die mit einem seltenen Gendefekt geborene und geistig behinderte junge Frau steckte sich vermutlich in der Behindertenwerkstatt an, in der sie arbeitete. Das Leben ihrer Mutter hat sich seitdem komplett geändert - wie das so vieler Menschen, die Angehörige durch die Corona-Pandemie verloren haben.

Mehr als 71.500 Menschen sind seit dem Beginn der Pandemie vor rund einem Jahr in Deutschland im Zusammenhang mit dem Coronavirus ums Leben gekommen. "Hinter jeder einzelnen Zahl steht ein Schicksal, steht ein Mensch, der von uns gegangen ist", sagte Steinmeier bei der Begegnung am Freitag in Berlin. Von einigen dieser Einzelschicksale berichteten die fünf Hinterbliebenen, die der Bundespräsident zum Gespräch eingeladen hatte - sichtlich bewegt und manche unter Tränen. Zwei von ihnen, die Journalistin Kirsten Grieshaber und der Supermarkt-Inhaber Aslan Mahmood aus Berlin, berichteten Steinmeier im Schloss Bellevue vom Tod ihrer Väter. Drei weitere Angehörige, Anita Schedel aus Passau, Andreas Steinhauser aus dem bayerischen Altdorf bei Landshut und Michaela Mengel aus Essen, waren per Video zugeschaltet.

Die Hinterbliebenen, von denen einige auch selbst an Covid-19 erkrankt waren, schilderten, wie sie sich kaum, manche gar nicht, von ihren Angehörigen verabschieden konnten. Völlig unerwartet sei ihr Mann, ein Arzt, im April vergangenen Jahres im Alter von 59 Jahren aus dem Leben gerissen worden, erzählte Anita Schedel. Ihr eigenes Leben habe sich seither komplett verändert. Sie habe sich zurückgezogen und arbeite nicht mehr. Vom erschwerten Abschiednehmen unter Corona-Bedingungen und von den beibenden Verlustgefühlen der Angehörigen berichtete die Seelsorgerin und Trauerrednerin Katharina Ziegler aus dem niedersächsischen Osterholz, die ebenfalls an der Gesprächsrunde teilnahm.

Der Bundespräsident sprach sich erneut für ein öffentliches Gedenken an die Menschen aus, die während der Pandemie gestorben sind. Er halte es für sehr wichtig, "dass wir innehalten, um gemeinsam in Würde Abschied zu nehmen von den Verstorbenen in der Zeit der Pandemie", sagte Steinmeier. Das gelte auch für jene, die nicht dem Virus zum Opfer gefallen, aber genauso einsam gestorben seien. Steinmeier wies darauf hin, dass am 18. April in Berlin eine Gedenkfeier mit der Staatsspitze und Hinterbliebenen stattfinden solle.

"Ja, es gibt Hoffnung, dass wir die Pandemie besiegen werden - dank der Impfstoffe, die uns jetzt zur Verfügung stehen", sagte Steinmeier. Aber noch immer stürben Tag für Tag Hunderte Menschen an einer Covid-19-Infektion. Bisher hätten die Hinterbliebenen meist im Stillen und individuell getrauert. "Uns allen fehlt eine Form des gemeinsamen Gedenkens und Abschiednehmens. Denn wir haben doch gespürt in dieser dunklen Zeit, wie verletzlich wir als Menschen sind und wie sehr wir als Gemeinschaft aufeinander angewiesen sind", unterstrich der Bundespräsident.

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