TV-Tipp: "Tatort: Borowski und die Angst der weißen Männer"

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TV-Tipp: "Tatort: Borowski und die Angst der weißen Männer"
7. März, ARD, 20.15 Uhr
Als hinter dem Club eine mit K.O.-Tropfen betäubte und anschließend zu Tode getretene junge Frau gefunden wird, brauchen Borowski (Axel Milberg) und seine Kollegin Sahin (Almila Bagriacik) nicht lange, um auf den vermeintlichen Täter zu stoßen.

Bilder, Bücher und Filme öffnen die Augen und lenken den Blick: auf die schönen Seiten des Daseins, aber auch auf die Abgründe. Sie versetzen Betrachter, Leser und Zuschauer in die Lage, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Im Krimi lässt sich auf diese Weise nachvollziehen, wie ein Mensch zum Verbrecher wird: weil er zum Beispiel ein verhuschter junger Mann ohne jede Ausstrahlung ist, der ein Single-Dasein in stiller, aber stetig wachsender Verzweiflung führt und genau weiß, dass er bei selbstbewussten attraktiven Frauen nie eine Chance haben wird. Wenn sich seine Verzweiflung in Wut wandelt, kann er zu einer tickenden Zeitbombe werden.

Das Phänomen trägt die Bezeichnung "Incel", eine Abkürzung für "involuntary celibate", unfreiwilliges Zölibat, und es ist dem NDR hoch anzurechnen, dass er den "Tatort" nutzt, um darüber zu informieren. Viele Morde der letzten Jahre sind von solchen Männern durchgeführt wurden, die sich abgehängt und minderwertig fühlen. "Borowski und die Angst der weißen Männer" erzählt die Vorgeschichte einer solchen Tat: Parkhauskassierer Mario Lohse (Joseph Bundschuh) lebt ein kleines, graues Leben. Die materiellen Verlockungen der Gesellschaft werden für ihn ebenso unerreicht bleiben wie die Schönheiten im "Paradise". Als hinter dem Club eine mit K.O.-Tropfen betäubte und anschließend zu Tode getretene junge Frau gefunden wird, brauchen Borowski (Axel Milberg) und seine Kollegin Sahin (Almila Bagriacik) nicht lange, um auf Lohse zu stoßen: Die Bilder einer Überwachungskamera zeigen, wie er am Glas des Opfers hantiert.

Bis hierhin erzählen Drehbuchautor Peter Probst (Bearbeitung: Daniel Nocke) und Regisseurin Nicole Weegmann eine ganz normale Krimigeschichte, ausgezeichnet fotografiert (Kamera: Willy Dettmeyer), aber nicht weiter ungewöhnlich. Das ändert sich, als Borowski auf den Tatortfotos Vertiefungen entdeckt, die er als die Zahl 14 rekonstruiert. Sie gibt der Handlung die entscheidende Wende. Die "14 Wörter" sind eine ursprünglich amerikanische Maxime weißer Faschisten ("Wir müssen die Existenz unseres Volkes und eine Zukunft für die weißen Kinder sichern") und Bestandteil rechtsextremistischer Verschwörungsmodelle: Es sei Sinn und Zweck des Feminismus, dass Frauen keine Kinder mehr zur Welt bringen, damit die arische Rasse ausstirbt. Für aufgeklärte Menschen klingt das absurd und lächerlich, aber wenn sich "Incels" in ihren Foren gegenseitig aufstacheln, kann daraus tödlicher Ernst werden.

Weil ein Krimi gleich viel interessanter ist, wenn der Protagonist mit einem charismatischen Antagonisten konfrontiert wird, stößt Borowski schließlich auf einen sogenannten Männerrechtler, der so etwas wie ein Idol für Mario ist: Hank Massmann (Arnd Klawitter) veranstaltet Workshops für Männer, die sich von ihren Frauen unterdrückt fühlen. Er animiert sie dazu, sich endlich zu wehren. Das hat unter anderem einen Online-Pranger mit ausschließlich weiblichen Namen zur Folge. Auf der Liste steht auch die Politikerin Reimers (Jördis Triebel), die in einer Talkshow provokant auf Massmanns patriarchalische Parolen reagiert hat. Während sich der aus Mangel an Beweisen wieder freigelassene Lohse darauf vorbereitet, ein Zeichen zu setzen, übernimmt Sahin den Schutz von Reimers.

Das packende Finale ist der krönende Abschluss eines von der ersten bis zur letzten Minute fesselnden Films, zumal Weegmann es erfolgreich vermieden hat, aus "Borowski und die Angst der weißen Männer" einen Themenfilm zu machen. Natürlich gibt es Informationsdialoge etwa über die "14 Wörter" oder das Incel-Phänomen, aber sie sind gut in die Handlung integriert. Im Unterschied zu vielen anderen Krimis, in denen sich Kommissare gegenseitig über bekannte kriminalistische Details aufklären, damit auch der letzte Zuschauer auf dem Laufenden ist, handelt es sich zudem um eine Art Spezialwissen, das man nicht voraussetzen kann. Davon abgesehen beeindruckt Weegmanns Inszenierung nicht zuletzt durch Besetzung und Spiel. Joseph Bundschuh wirkt als abgehängter und schrecklich schüchterner junger Mann auf fast schon verstörende Weise authentisch. Mit großer Behutsamkeit und viel Einfühlungsvermögen schildert Weegmann verschiedene Begegnungen dieses Niemand, der so gern ein Jemand wäre, mit einer Frau (Mathilde Bundschuh, Josephs Schwester), der er im Parkhaus aus der Patsche hilft. Später kommt es zu einem unbeholfenen Rendezvous in Lohses düsterer Wohnung, das ein jähes Ende findet, als Borowski und Sahin vor der Tür stehen und ihn verhaften.

Der Film spiegelt sein Thema ohnehin in vielen Zwischenmenschlichkeiten, und weil die Inszenierung dabei jeweils eine bestimmte Perspektive vorgibt, lässt sich gut nachvollziehen, welche Wirkung ein herrischer Auftritt von Lohses Chefin hat oder wie die arrogante Selbstherrlichkeit eines Kollegen vom Staatsschutz auf Mila Sahin wirkt. Wohin das führen kann, wenn Männer glauben, sie müssten sich wehren, veranschaulicht das Drehbuch gleich zu Beginn, als eine Mitarbeiterin (Vidina Popov) der Politikerin überfallen wird. Die entsprechenden Bilder aus einer Tiefgarage werden bei vielen Zuschauerinnen großes Unbehagen auslösen. Zur Stimmung einer allgegenwärtigen Bedrohung, die durch die Musik (Sven Rossenbach, Florian Van Volxem) wie auch durch die ständig wispernden Stimmen in Lohses Kopf geschürt wird, passt nicht zuletzt die düstere Drohung "Wir sind viele!" Der Krimi endet glimpflich; in der Wirklichkeit geht die Geschichte weiter. Dass die ARD den Film ausgerechnet am Vorabend des Weltfrauentags ausstrahlt, ist natürlich kein Zufall, grenzt aber an bittere Ironie.