Sozialphilosoph Negt: Corona-Strategie braucht mehr Beteiligung

Sozialphilosoph Negt: Corona-Strategie braucht mehr Beteiligung
02.03.2021
epd-Gespräch: Daniel Behrendt
epd

Mit Blick auf die bevorstehenden Bund-Länder-Beratungen zum weiteren Vorgehen in der Corona-Pandemie hat der Sozialphilosoph Oskar Negt eine breitere gesellschaftliche Beteiligung an künftigen Entscheidungsprozessen gefordert. "Was zu kurz kommt, sind etwa die Perspektiven von Sozial-, Erziehungs- und Kulturwissenschaftlern. Die politisch Verantwortlichen versäumen es seit nunmehr einem Jahr, auch jene Pandemiefolgen, die über das unmittelbar Gesundheitliche hinausgehen, hinreichend in ihre Abwägungen einzubeziehen", kritisierte der in Hannover lebende Gelehrte im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Würden zukünftig nicht alle legitimen Interessen und gesellschaftlichen Gruppen in den Corona-Beratungen berücksichtigt, drohe die bislang große Akzeptanz für die Corona-Maßnahmen zu kippen. Zudem plädierte Negt für die Einrichtung von Bürgergremien in beratender Funktion. "Wir müssen wieder mehr Lebenswirklichkeit in den politischen Prozess hineinlassen. Alle von der Pandemie betroffenen Gruppen müssen mit ihren unterschiedlichen Nöten und Bedürfnissen in adäquater Weise und in einem öffentlichen Aushandlungsprozess zu Wort kommen können."

In einer Demokratie müssten sich die Menschen nicht nur in ihrem persönlichen Umfeld, sondern darüber hinaus auch politisch als wirksam erleben können. Andernfalls sei ein Vertrauensverlust in die Regierenden, eine Zunahme egoistischer Verhaltensweisen und eine wachsende Abkehr vom Gemeinwesen zu befürchten. "Diese Vereinzelung der Interessen wird durch die soziale Isolation, die viele Menschen jetzt empfinden, noch verstärkt", sagte Negt.

Es sei entscheidend, "die Corona-Pandemie nicht nur als reinen Krankheitszusammenhang" zu begreifen, für den allein die Expertise von Virologen, Epidemiologen und Ärzten relevant sei. "So lange das so ist, werden die gesellschaftlichen Verwerfungen nicht hinreichend gesehen und bearbeitet", mahnte Negt.

Zudem rügte der Sozialphilosoph, dass weitreichende Entscheidungen - etwa Einschränkungen sozialer Kontakte und räumlicher Mobilität - über einen derart langen Zeitraum auf "bedenklicher Grundlage" getroffen würden: "Dass eine Runde aus Bundeskabinett und Landesregierungen derart weit in Grundrechte eingreift, ist verfassungsrechtlich nicht vorgesehen und kann bei den Bürgern das Gefühl bestärken, enteignet zu werden", sagte Negt. Umso wichtiger sei es denn auch, dass die Regierenden neben notwendigen Schritten zur Pandemiebekämpfung jetzt auch "klare Zeichen für Demokratie und Partizipation" setzten.

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