Weisband: Antisemitismus beginnt mit Verschwörungserzählungen

Weisband: Antisemitismus beginnt mit Verschwörungserzählungen

In der Gedenkstunde des Bundestags zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus hat die Publizistin Marina Weisband die Herausforderungen für die junge jüdische Generation in Deutschland in den Blick gerückt. Weisband sagte am Mittwoch in ihrer Rede vor dem Parlament in Berlin, bald werde es keine Zeitzeugen der Schoah mehr geben. Es sei Aufgabe der Nachkommen, das Gedenken weiterzutragen und Lehren für eine Zukunft zu ziehen, in der die jüdische Kultur selbstverständlich gelebt werden könne. Anlass des Gedenktages ist die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945.

Die 33-jährige Publizistin und frühere Netzpolitikerin sagte, Jüdin in Deutschland zu sein, bedeute die Schoah in sich zu tragen und mit den Traumata der Eltern und Großeltern zu leben. Anders als ihre Eltern und Großeltern gehofft hatten, könnten Juden in Deutschland nicht einfach als Menschen wie andere leben. Zum Gebet gehe sie durch Sicherheitskontrollen, sagte Weisband. Sie sei dankbar für diesen Schutz: "Aber es macht was mit uns."

Weisband wurde 1987 als Tochter jüdischer Eltern in Kiew geboren und kam 1994 mit ihrer Familie im Rahmen der Regelung für Kontingentflüchtlinge aus der Ukraine nach Deutschland. Sie engagierte sich zunächst bei der Piratenpartei und gehört seit 2018 den Grünen an. Vor Weisband hatte Charlotte Knobloch, die 88-jährige Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München im Bundestag gesprochen.

Antisemitismus beginne mit Verschwörungserzählungen, sagte Weisband und bilanzierte: "Wir können den Anfängen nicht wehren". Sie bekomme längst Morddrohungen. Während sie eine Rede halte, würden anderswo Waffen gesammelt. "Umso schmerzhafter ist für mich diese Debatte um einen vermeintlichen Schlussstrich - solange wir keinen ziehen", sagte Weisband unter Beifall.

Seit 25 Jahren erinnert der Bundestag rund um den 27. Januar mit einer Gedenkstunde an die Opfer der Nationalsozialisten. Der damalige Bundespräsident Roman Herzog hatte den Tag der Befreiung des NS-Konzentrationslagers Auschwitz (27. Januar 1945) im Jahr 1996 als Gedenktag proklamiert. In Auschwitz starben rund 1,1 Millionen Menschen. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurden rund sechs Millionen Juden ermordet.

In diesem Jahr stand die Gedenkstunde im Zeichen des Jubiläumsjahrs zu 1.700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland. Es erinnert an die erste erwähnte jüdische Gemeinde im Jahr 321 in Köln und soll verdeutlichen, wie lange das Judentum hierzulande heimisch ist.

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