Knobloch und Weisband: Gedenkjahr ist Chance für jüdische Kultur

Knobloch und Weisband: Gedenkjahr ist Chance für jüdische Kultur

Die Gastrednerinnen zum Holocaust-Gedenktag im Bundestag, Charlotte Knobloch und Marina Weisband, werten das Gedenkjahr zu 1700 Jahren Juden in Deutschland als Chance, jüdisches Leben als integralen Teil der deutschen Gesellschaft zu begreifen. "1700 Jahre Juden in Deutschland ist ein wichtiges Datum, weil es uns daran erinnert, dass das jüdische Leben schon immer, solange diese kollektive Gesellschaft denken kann, Teil der hiesigen Kultur war", sagte Weisband dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland" (Dienstag, online). "Das lenkt den Blick darauf, dass wir mehr sind als die Shoah. Jüdisches Leben und jüdische Kultur sind integraler Bestandteil dessen, was man heute als deutsche Kultur bezeichnen würde."

Knobloch ergänzte, durch die Feier dieser 1700 Jahre könnten jüdische Bürgerinnen und Bürger werden, was sie sich immer gewünscht habe: wirkliche Mitglieder der deutschen Gemeinschaft. "Durch das Festjahr wird ganz offen und klar dargestellt, dass es jüdisches Leben schon seit langem hierzulande gab. Das beantwortet auch die Fragen, die mir immer noch und immer wieder gestellt werden: Wann gehen Sie eigentlich zurück in Ihre Heimat? Wie lange sind Sie schon da? Sind Sie auch übers Meer gekommen?"

Sie hoffe, dass die Feier der 1700 Jahre auch dazu führt, dass die Menschen sich Gedanken machten, welche Vorurteile sie haben und welche Rolle Antisemitismus heute spiele, betonte Knobloch. "Wir wissen ganz genau, was aus Vorurteilen alles werden kann."

Eine Normalität jüdischen Lebens sei aktuell noch nicht gegeben und schwierig zu etablieren, kritisierte Weisband. Sie werde ständig gefragt zu Antisemitismus, für Gedenkveranstaltungen oder habe in zahlreichen Erzählcafés mit Holocaust-Überlebenden gearbeitet. "Aber wenn ich einen Stammtisch machen will, um jüdische Studierende zusammenzubringen außerhalb der Gemeinde, dann darf ich keine Veröffentlichung machen, in der Zeit und Ort stehen - aus Sicherheitsgründen."

Der "Gedenkmodus" sei erwünscht, weil er hat für die Deutschen eine Funktion habe, sagte Weisband. "Die sind auf Versöhnung aus. Hier gibt es etwas zu vergeben. Man möchte sich gut fühlen. Man möchte die Hand reichen und diese schreckliche Geschichte vergraben. Irgendwo." Gleichzeitig gebe es "so wenig Chancen, ein öffentliches, aktives jüdisches Leben zu führen, das nicht im Schatten der Shoah steht".

Unter dem Titel "#2021JLID" sind im Festjahr bundesweit nach Angaben des Vereins "321-2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" rund 1.000 Projekte wie Videos, Konzerte, Ausstellungen, Filme oder Podcasts geplant.

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