Expertin rät zu Gelassenheit bei Schulschließung

Expertin rät zu Gelassenheit bei Schulschließung
20.01.2021
epd-Gespräch: Martina Schwager
epd

Osnabrück (epd). Die Expertin für frühkindliche Entwicklung, Renate Zimmer, rät in der Diskussion um Schulschließungen zu mehr Gelassenheit. Eltern sollten sich beim Homeschooling nicht unter Stress setzen lassen und Sorge haben, dass ihre Kinder zu Hause nicht genügend lernten, sagte Zimmer dem Evangelischen Pressedienst (epd). Es sei völlig überzogen, wenn Kinder- und Jugendmediziner vor lebenslangen Bildungslücken warnten, die später zu deutlichen Gehaltseinbußen führen könnten: "Da muss man mal die Kirche im Dorf lassen."

Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin hatte die am Dienstag von Bund und Länder beschlossene weitere Schließung von Kitas und Schulen bis zum 14. Februar scharf kritisiert. Das Bildungsdefizit bei Schülern werde dazu führen, "dass sie im späteren Leben ihre Möglichkeiten nicht ausschöpfen und dauerhaft ein signifikant niedrigeres Einkommensniveau erreichen werden, als es möglich gewesen wäre", sagte der Generalsekretär Hans-Iko Huppertz der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Mittwoch).

Zimmer betonte, auch Kinder, die ein Jahr später eingeschult würden, machten ihren Lebensweg. Sie selbst habe Kurzschuljahre erlebt, in denen insgesamt vier Monate weniger unterrichtet worden sei. Das habe ihrer Generation nicht geschadet, sagte die emeritierte Erziehungswissenschaftlerin der Universität Osnabrück.

Zwar seien Unterbrechungen im laufenden Schuljahr schwieriger zu kompensieren, räumte Zimmer ein. Aber auch das wäre kein Problem, wenn der Lernstoff durchforstet und auf manches verzichtet würde. Viel wichtiger sei es, den Kindern die Begeisterung und die Lust am Lernen zu erhalten. "Das macht man aber nicht, wenn immer alle in Stress geraten, weil Kinder nicht genügend ausgestattet sind, und Lehrer beschuldigt, sie gäben den Kindern nicht genügend Aufgaben."

Lehrer müssten den Kontakt zu den Kindern aufrecht erhalten, betonte die ehemalige Direktorin des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe). "Wir alle sollten lernen, diese Zeit ein bisschen gelassener zu nehmen und die Vorteile von mehr Gemeinsamkeit und weniger Lernstress auch ein bisschen zu genießen." Wichtig sei es allerdings, dass Kinder mit Sprachförderbedarf, aus benachteiligten Familien oder Familien mit Migrationshintergrund tatsächlich eine Notbetreuung oder Unterstützung zu Hause bekämen, sagte Zimmer, die Ministerien in zahlreichen Bundesländern berät.

Die renommierte Erziehungswissenschaftlerin rät Eltern von Grundschulkindern, mit ihnen im Alltag die Grundtechniken wie Rechnen, Lesen und Schreiben weiter zu üben. Eine Stunde konzentriertes Lernen reiche oft aus. Es sei sinnvoll, viel Zeit draußen mit Spielen, Sport und Bewegung zu verbringen, sagte Zimmer. Kinder wochenlang vor dem Fernseher oder der Playstation zu parken, sei in der Tat schädlich und später nur schwer wieder auszugleichen.