Bischof Stäblein empfiehlt offene Debatten über Gerechtigkeit

Menschen aus Ostdeutschland und Westdeutschland müssen noch viel Aufarbeiten

©Getty Images/iStockphoto/stocknshares

Auch mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es weiter Reibungen zwischen Ost und West.

Bischof Stäblein empfiehlt offene Debatten über Gerechtigkeit
Im 60. Jahr nach dem Mauerbau und mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es weiter Reibungen zwischen Ost und West. Die Schwierigkeiten beim Zusammenwachsen müssen nach Auffassung des Bischofs der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Christian Stäblein, besser aufgearbeitet werden.
13.01.2021
Yvonne Jennerjahn
epd

Dies sei auch für die Demokratie in Deutschland wichtig, sagte Stäblein dem Evangelischen Pressedienst (epd).

epd: Das Gedenkjahr 2020 zu 30 Jahren Wiedervereinigung ist zu Ende. Welche aktuellen Herausforderungen sehen Sie für den demokratischen Zusammenhalt von Ost und West in Deutschland?

Bischof Christian Stäblein: Die problematischen Anteile des Zusammenwachsens gerade im ersten Jahrzehnt nach der Friedlichen Revolution sind noch nicht aufgearbeitet worden. Wir brauchen mehr offenes Gespräch und Austausch über eine Zeit, in der sich die Menschen in Ostdeutschland im Prozess der Vereinigung mehrheitlich nicht wahrgenommen erlebt haben. Die unterschiedlichen Biografien differenziert und in ihrem Eigenwert wahrnehmen heißt auch, dass wir aufhören müssen, die westdeutsche Biografie als "normal", die ostdeutsche demgegenüber als Abweichung davon zu behandeln. Summe: Es gibt noch viele Ungerechtigkeiten in der Wahrnehmung und Aufarbeitung unserer Geschichte von Menschen aus Ostdeutschland. Dieses belastet den Zusammenhalt und ist auch eine Hypothek für die demokratische Weiterentwicklung des Landes. Demokratie kann nur erfolgreich sein, wenn sie offene Debatten über gesellschaftliche Gerechtigkeit ermöglicht. Andernfalls zerfällt die gemeinschaftliche Basis, das erleben wir derzeit immer wieder. Extremistischen Kräften gelingt es, Spaltungstendenzen in das Zusammenleben von Ost und West zu setzen.

Welche Rolle kann die Kirche dabei spielen?

Stäblein: Wir haben nicht nur zu den bereits zurückliegenden Erinnerungsdaten die Kirchenräume für notwendige Diskurse und Gespräche geöffnet. Ich hätte mir das auch für das vergangene Jahr gewünscht. Die Pandemie hat es verhindert. Zukünftig werden wir auch zur Rolle der Kirche in der Friedlichen Revolution Debatten und Gespräche eröffnen. Darin kommen unterschiedliche Wahrnehmungen und Zukunftswünsche zu Wort. Im Raum der Kirche sind solche Diskussionen stets umfangen von der Zusage eines Gottes, unter der Spannungen und Differenzen, auch unversöhnliche, ausgehalten werden können. Und schon im Zuhören und Aushalten verändern sich die Spannungen, sie lösen sich ein Stück. Darauf jedenfalls setze ich.

Bundespräsident Steinmeier hat sich beim Festakt am 3. Oktober 2020 für einen herausgehobenen Erinnerungsort an die Demokratie- und Bürgerrechtsbewegung der DDR ausgesprochen, einen Ort, "der daran erinnert, dass die Ostdeutschen ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen und sich selbst befreit haben". Sie befürworten das. Was genau wünschen Sie sich?

Stäblein: Einen festen Ort, an dem die Erinnerung an die Friedliche Revolution, besonders an die "friedlichen Revolutionäre*", ihren Platz hat. Man kann ja bei so was immer sagen, ein fester Ort bindet die Erinnerung zu sehr und lässt womöglich die anderen Orte und das umgreifende und übergreifende Handeln der Menschen 1989 und in den Jahren davor zu sehr auf eine Stelle schrumpfen. Andererseits braucht es 30 Jahre später einen solchen Ort, auch um Menschen, die keine eigene lebendige Erinnerung daran haben, später Geborene oder auch Gäste aus aller Welt mit genau dieser Geschichte der Friedlichen Revolution in Kontakt zu bringen. Das Gedenken an die Opfer der Mauer findet an der Bernauer Straße statt, für die Einheit kommt die Einheitswippe in Schlossnähe. Aber einen prominenten und öffentlichen Ort für die Erinnerung an die Menschen der Friedlichen Revolution gibt es in der Hauptstadt noch nicht. Das sollten wir ändern. 

Welcher Ort, der mit der Weimarer Nationalversammlung und der Frankfurter Paulskirche als Symbol der Freiheitsbewegung von 1848 vergleichbar wäre, könnte so ein Erinnerungsort sein?

Stäblein: Die Gethsemane-Kirche im Prenzlauer Berg wäre ein sehr guter Ort. Oder auch die Zionskirche mit ehemaligen Räumlichkeiten der Umweltbibliothek in der Nähe. Beides sind Orte, die zentral für die Bewegung der Friedlichen Revolution stehen. Ich wäre für einen Ort. Das erscheint zwar zunächst ungerecht gegenüber den vielen anderen, die es auch sein könnten. Aber es braucht im Gedenken die Fokussierung. Die Gethsemane-Kirche trägt auch heute die Impulse der Friedlichen Revolution sehr lebendig weiter, ich denke etwa an die täglichen Gebete für Peter Steudtner in der Zeit seiner Inhaftierung.

Welche Persönlichkeiten sollten dort gewürdigt werden?

Stäblein: Öffentlich bekannt gewordene Persönlichkeiten der Friedlichen Revolution wie auch Personen, von denen weniger gehört und geschrieben wurde, deren persönliche, zum Teil auch tragische Geschichten es nicht namentlich in die Geschichtsbücher geschafft haben. Wie es gelingen kann, der Erinnerung Gesichter zu geben, zeigt in besonderer Weise die Stiftung Aufarbeitung. Vor einigen Monaten ist Hans Simon gestorben. Er war in den 80er Jahren Pfarrer in der Zionskirche und eine zentrale Persönlichkeit in den Auseinandersetzungen um die Umweltbibliothek. Ich stelle mir vor, dass Menschen wie Hans Simon mit einem solchen Gedenkort endlich auch ihren Platz in der Geschichte bekommen. Wir verdanken ihnen viel.

Es gibt auch einstige DDR-Bürgerrechtler, die heute am rechten Rand der Gesellschaft aktiv sind und keine Berührungsängste zu rechten Extremisten zu haben scheinen. Wie erklären Sie sich das?

Stäblein: Ich finde es schockierend und abstoßend, wie Gruppen und insbesondere eine Partei am rechten Rand die Geschehnisse von 1989 gewissermaßen diametral gegen ihren eigenen Sinn ausnutzt und wendet. Statt für Freiheit wird für Ausgrenzung und Abwertung plakatiert und dabei der Ruf "Wir sind das Volk" in sein Gegenteil verkehrt. Das ist perfide. Dass sich in diesem Umfeld immer wieder auch einstige DDR-Bürgerrechtler finden, irritiert mich und bleibt mir ein Stück unverständlich. Darum würde ich gerne mit diesen Menschen ins Gespräch kommen.