TV-Tipp: "Wilsberg: Unser tägliches Brot" (ZDF)

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TV-Tipp: "Wilsberg: Unser tägliches Brot" (ZDF)
2.1., ZDF, 20.15 Uhr
Nach der sehenswerten letzten Episode, in der sich der Privatdetektiv aus Münster mit Hass und Hetze im Internet auseinandersetzen musste ("Alles Lüge"), geht es in "Unser tägliches Brot" wieder um einen gewöhnlichen Kriminalfall. Prompt fällt auch der Film im Rahmen der Reihe nicht weiter aus dem Rahmen.

Zwei Personalien sorgen allerdings dafür, dass die siebzigste Episode dennoch sehenswert ist. Die eine ist die Besetzung des Gegenspielers: Der Österreicher Juergen Maurer versieht selbst die Sympathieträger, die er spielt, allen voran Kommissar Ruiz aus der ZDF-Reihe "Neben der Spur", mit einer gewissen Düsternis. Für seine Antagonisten gilt das erst recht: Anwalt Niehoff ist berüchtigt dafür, im Auftrag von Unternehmern unbequeme Mitarbeiter mundtot zu machen. Ein Privatdetektiv wühlt für ihn solange im Dreck, bis die Menschen aufgeben; und wenn das nicht reicht, greift er zu anderen Mitteln. Jüngstes Opfer ist Tobias Nagel (André Röhner), der jähzornige Betriebsrat eines Münsteraner Brotfabrikanten. Wilsberg (Leonard Lansink) kommt ins Spiel, weil Steffi (Luise Bähr), die Lebensgefährtin des Mannes, die Cousine von Wilsbergs Kumpel Ekki (Oliver Korittke) ist. Der Finanzbeamte hilft ihr gerade bei der Steuererklärung, als Kommissar Overbeck (Roland Jankowsky) die Wohnung stürmt: Angeblich sollen sie und ihr Freund im Betrieb einen Kanister mit Reinigungsmittel entwendet haben, um es als K.o.-Tropfen zu verkaufen. Als dann auch noch Niehoffs Detektiv, der das Paar mit nächtlichen Anrufen belästigt hat, mit durchschnittener Kehle aufgefunden wird, hat Nagel ein echtes Problem.

Die Geschichte ist im Grunde nicht weiter kompliziert, wirkt aber so, weil "Wilsberg"-Romanschöpfer Jürger Kehrer und Koautorin Sandra Lüpkes nicht nur für Klärungs-, sondern auch für viel Erklärungsbedarf sorgen. Im ersten Drittel des Films fällt das noch nicht weiter ins Gewicht, zumal zum dramaturgisch perfekten Zeitpunkt die Leiche des Detektivs gefunden wird, aber etwa in der Mitte beginnt die Handlung zu zerfasern. Immerhin sorgt eine zweite Personalie für Kurzweil, denn Kehrer und Lüpkes greifen eine Figur aus einem ihrer früheren Drehbücher auf: In "Minus 196 Grad" ist Overbeck vorübergehend Vater geworden, weil er als Samenspender angeblich Erzeuger einer jungen Frau namens Kira (Emma Drogunova) war. Das stellte sich zwar als Irrtum heraus, aber der Kommissar hatte sich so sehr mit der Vorstellung angefreundet, dass er durchaus väterliche Gefühle für die Studentin empfand. Ähnlich wie bei den Episoden mit Janina Fautz als Patenkind von Kommissarin Springer (Rita Russek) senkt die Schauspielerin nicht nur den Altersschnitt des Ensembles ganz erheblich, sie sorgt dank ihrer kecken Dialoge auch für viel Kurzweil. Außerdem ist Kira Teil der Geschichte: Sie arbeitet als Aushilfe in der Brotfabrik und dient Overbeck als Informantin, aber dann wird sie Leidtragende eines Giftanschlags: Irgendjemand hat Reinigungsmittel in den Teig geschüttet, und auch diese Tat wird selbstredend Steffi und ihrem Freund in die Schuhe geschoben. Zum Glück kommt Kira glimpflich davon und kann daher beim Finale eine entscheidende Rolle spielen.

Echte Spannung kommt trotzdem nicht auf, obwohl Regisseur Hansjörg Thurn ("Die Schatzinsel", "Die Wanderhure") ein ausgewiesener Meister seines Fachs ist; seine früheren "Wilsberg"-Beiträge, darunter auch "Alles Lüge", waren ausnahmslos überdurchschnittlich gut. "Unser tägliches Brot" scheitert dagegen immer wieder an den Erwartungen, die die Handlung weckt: weil sich große Gesten regelmäßig als ganz klein entpuppen. Eine typische Szene in dieser Hinsicht ist ein vermeintlicher Todessturz gegen Ende, der aber bloß zu einem blutigen Knie führt. Handwerklich bewegt sich der Film allerdings auf hohem Niveau, zumal das Team exakt das gleiche wie bei "Alles Lüge" war; die Bildgestaltung mit ihren fließenden Kamerabewegungen, der sorgfältigen Lichtsetzung und dem Blick für Details (Uwe Schäfer) zum Beispiel ist ausgezeichnet. Freunde der Reihe werden sich nicht nur über die bittere Bielefelder Pumpernickel-Backmischung, sondern auch über den winzigen Strandkorb auf Springers Schreibtisch freuen, eine Reminiszenz an das "Morderney"-Abenteuer (2018). Dennoch wird die Geschichte ihrem inhaltlichen Anspruch nicht ganz gerecht, selbst wenn das Autorenduo mit dem "Union-Busting", der Zerstörung gewerkschaftlicher Strukturen in großen Unternehmen, ein durchaus relevantes Thema aufgegriffen hat. Eher unnötig, aber immerhin unterhaltsam ist ein weiterer Nebenstrang mit Overbeck, der nach 25 Dienstjahren endlich zum Kriminalhauptkommissar befördert wird und voller Stolz ein neues Büro beziehen darf. Als ihm der Titel wieder aberkannt wird, kann er einem richtig leid tun, und wie es Roland Jankowsky gelingt, Mitgefühl mit diesem sich selbst ständig überschätzenden Kleingeist zu wecken, ist sehr schön gespielt. Auch daran hat Kira ihren Anteil, weil sich der Polizist in den Szenen mit ihr von einer ungewohnt fürsorglichen Seite zeigen darf.

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