TV-Tipp: "Wilsberg: Alles Lüge"

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TV-Tipp: "Wilsberg: Alles Lüge"
28. November, ZDF, 20.15 Uhr
Es ist aller Ehren wert, dass sich eine Reihe wie "Wilsberg" regelmäßig mit Phänomenen der Digitalisierung befasst; immerhin ist Titelheld Georg Wilsberg (Leonard Lansink) mit Mitte sechzig alles andere als ein Eingeborener des digitalen Zeitalters, außerdem hat er eine gewisse Abneigung gegen technologische Innovationen aller Art.

Trotzdem gelingt es den Autoren immer wieder, den Antiquar und Privatdetektiv aus Münster glaubhaft mit entsprechenden Themen zu konfrontieren; so ging es zum Beispiel in "In Gesicht geschrieben" (2019) um eine App, die dank Gesichtserkennung im Nu alles zusammenträgt, was sich an digital verfügbaren Informationen über eine Person finden lässt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es auch mal um Hass, Hetze und Verschwörungstheorien  gehen würde. Wie stets sorgt das Drehbuch (Sönke Lars Neuwöhner und Natalia Geb) dafür, dass ein Mitglied der "Wilsberg"-Familie betroffen ist. Diesmal erwischt es Ekki (Oliver Korittke). "Alles Lüge", der 69. Film der Reihe, beginnt mit einem harmlosen Marktbummel, als der Finanzbeamte plötzlich von einem Mann angegriffen wird: Kfz-Meister Hartung (Johannes Zeiler) wirft ihm vor, er habe ihn in die Insolvenz getrieben. Es kommt zu Handgreiflichkeiten, die kurz drauf im Netz landen. Allerdings zeigen die Aufnahmen nur die halbe Wahrheit; nun sieht es so aus, als habe Ekki mit der Pöbelei begonnen.

Der Auftakt ist clever, denn was zunächst bloß wie ein Vorwand wirkt, um ins Thema einzuführen, wird gegen Ende noch eine wichtige Rolle spielen. Bei dem Handgemenge ist ein Unbeteiligter verletzt worden. Ekki und Wilsberg bringen den Mann zur Ärztin seines Vertrauens. Britta Lüders (Brigitte Zeh) kümmert sich kostenlos um Menschen ohne Krankenversicherung, aber seit einigen Wochen ist sie Zielscheibe einer Netz- und Hetzkampagne ("Mutter Teresa oder Dr. Frankenstein"?). Ihr wird vorgeworfen, sie missbrauche ihre mittellosen Patienten, um neue Medikamente zu testen, und kassiere dafür viel Geld von der Pharmaindustrie. Wilsberg will den Autor der Verleumdungen zur Rede stellen, findet jedoch nur noch dessen Leiche. Die Website, für die der Journalist geschrieben hat, heißt "Beiderbeke News" und rühmt sich, im Gegensatz zu den vermeintlichen "Staatsmedien" die Wahrheit zu verbreiten; tatsächlich verschwindet die Wahrheit hier wie in einem Schwarzen Loch.

Als Vorbild für das Portal diente dem Drehbuchduo offenkundig die rechtsextreme amerikanische Seite "Breitbart News". Andreas Pietschmann darf als Namensgeber der Website alle "Fake News"-Register ziehen und klingt prompt wie ein AfD-Politiker, wenn er davon schwadroniert, seine Seite widersetze sich der "Wahrheit der Eliten". Eine Redakteurin (Amelie Plaas-Link) verrät, wie die Masche funktioniert: Beiderbeke Team stellt Lügen ins Netz und schreibt anschließend als "Trolle" unter verschiedenen Pseudonymen hasserfüllte Kommentare. Daraufhin entwickeln die Verleumdungen eine fatale Eigendynamik. Für die heitere Seite des Themas ist wieder mal Overbeck (Roland Jankowsky) zuständig: Der Polizist, der sich stets im Schatten seiner Chefin wähnt, wird vorübergehend zum Internet-Star, weil er auf Videos als "Ovinator" den harten Kerl mimt, der den Dreck beseitigt ("Mord macht keine Mittagspause"); das verschafft ihm schließlich sogar einen Auftritt in der "heute-show".

Den Sonntagskrimis im "Ersten" tut es oft nicht gut, wenn sich die Autoren relevanter Themen annehmen, weil vor lauter Botschaft mitunter der Krimi auf der Strecke bleibt. Diesen Fehler haben Sönke Lars Neuwöhner und Natalia Geb vermieden, zumal "Beiderbeke News" eine zentrale Rolle bei den Ermittlungen spielt. Auf diese Weise ließen sich einige der gängigen Verschwörungstheorien unterbringen, von angeblich unfruchtbar machenden Kondensstreifen ("Chemtrails") bis zur Lüge des Klimawandels. Natürlich sind Wilsberg, Ekki und Anwältin Alex (Ina Paule Klink), die sich raffiniert das Vertrauen von Beiderbeke erschleicht, angemessen empört über den Dreck, den die Website verbreitet, aber vermutlich hat es Neuwöhner und Geb großen Spaß gemacht, diesen ganzen Unfug, der auch vor Wilsberg nicht Halt macht ("Echsenmensch im Antiquariat"), ins Drehbuch einzubauen.

Regie führte Hansjörg Thurn, der bei ProSiebenSat.1 für diverse oft mehrteilige "Event"-Projekte verantwortlich war ("Die Schatzinsel", "Die Wanderhure"); "Alles Lüge" ist nach "Mord und Beton" (2016) sowie "Die fünfte Gewalt" seine dritte sehenswerte Arbeit für die Reihe. Die Bildgestaltung (hier: Uwe Schäfer) ist in seinen Filmen ohnehin stets von großer Sorgfalt. Bei den Innenaufnahmen liegt diesmal oft ein feiner Dunst in der Luft, der dem Licht eine ganz besondere Wirkung gibt. Gelungen ist auch Präsentation der Internetlektüre: Wenn Wilsberg oder Springer auf Beiderbekes Website stöbern, schweben die Schlagzeilen und Kommentare durch die Luft oder werden an die Wand projiziert; auf diese Weise kann Thurn darauf verzichten, dass seine Schauspieler vorlesen müssen, was die Zuschauer ohnehin mit eigenen Augen sehen. Den Menschen, die den ganzen Humbug für bare Münze nehmen, ist Overbecks Wort zum Sonntag gewidmet, denn der geläuterte Kommissar nutzt seinen TV-Auftritt, um ihnen ins Gewissen zu reden: "Wann fangen wir endlich wieder an, selber zu denken?" Möge es nützen.