Mit roter Nase gegen die Trostlosigkeit

Clowns ohne Grenzen

© epd-bild/Malte Thuilot/Clowns ohne Grenzen

Heiko Mielke und seine Clownspartnerin Miriam Brenner proben für einen Auftritt in Syrien. "Clowns ohne Grenzen" treten ehrenamtlich in Not- und Krisenregionen in aller Welt auf.

Mit roter Nase gegen die Trostlosigkeit
"Clowns ohne Grenzen" spielen in Flüchtlingslagern weltweit
Clowns aus 14 Ländern weltweit reisen für den Verein "Clowns ohne Grenzen" in Krisengebiete, um in Flüchtlingslagern für Kinder zu spielen. Die Clowns bringen einen Moment der Leichtigkeit an Orte ohne Perspektive. Seit 2008 ist die Künstlerin Susie Wimmer aus dem bayerischen Weilheim für die Organisation im Einsatz. Im Interview spricht sie übers Clownsein an traurigen Orten.
30.11.2020
Interview: Susanne Schröder
epd

Clowns ohne Grenzen spielen in Flüchtlingslagern weltweit. Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Susie Wimmer: Wir machen uns ein Bild: In welche Kultur kommen wir, was ist speziell? Für unsere letzte Show im Iran war klar, dass die Kostüme Hals, Haare und Ohren der Frau und auch beim Mann Arme und Beine bedecken. Wir passen die Themen des Stückes ans Land an: Ein Sketch übers Schwimmen in einem Wüstengebiet ist eher so naja. Außerdem müssen wir unser Equipment zusätzlich zum Gepäck selbst tragen können. Manchmal muss man drei Stunden auf einen Berg steigen, bevor man spielen kann. Also müssen auch die Kostüme unkaputtbar, praktisch und schnell zu reinigen sein. Und schließlich braucht man ein großes offenes Herz und die Gelassenheit, mit Unwägbarkeiten umzugehen.

Wie verlief Ihr Einsatz auf Lesbos?

Wimmer: Wir sind nicht in das neue Ersatzlager für Moria gegangen, da steppt noch der Wahnsinn. Wir haben zwei kleinere Lager besucht und die Krankenstation von "Ärzte ohne Grenzen". Das private Lager Pikpa sollte am Morgen unseres Auftritts polizeilich geräumt werden, entsprechend angespannt war die Stimmung. Dann kam die erlösende Nachricht: Das Lager wird bis Ende des Jahres nicht geräumt. War das eine Freude! Aber diese andauernde Anspannung schlägt sich auf die Kinder nieder. Ähnlich war es im Lager Kara Tepe. Wir haben dreimal die gleiche Show gespielt, und wir kamen kein einziges Mal bis zum Ende. Die Kinder waren so aufgekratzt, sie wollten mitspielen, mit uns toben und albern, unsere Keulen und Bälle ausprobieren, unsere Songs und Tänze lernen. Uns geht es um die Freude der Kinder. Die ist viel wichtiger, als dass wir uns am Ende verbeugen.

"Ein Mensch ohne Heimat ist auch unter blauem Himmel arm dran"

Wie war die Situation in diesem Lager?

Wimmer: Wir kamen nur aufgrund der sehr guten Kontakte unseres "local angel" dorthin. Als Clowns genießen wir einen großen Vertrauensvorsprung. Den dürfen wir nicht verspielen. Die Sicherheitsleute haben ein scharfes Auge. Ich kann deshalb nicht sagen, wie es im Rest des Lagers aussieht, denn wir sind nur den Weg vom Eingang bis zum Amphitheater gegangen.

Wie kommen Sie mit den menschlichen Schicksalen in den Flüchtlingslagern, in denen Sie spielen, klar?

Wimmer: In vielen Flüchtlingslagern leben Menschen schon in dritter Generation. Es gibt deshalb ein riesiges Problem mit den Dokumenten. Wer auf der Flucht geboren ist, den gibt es nicht. In welche Schule darf er gehen? Bei wem eine Ausbildung machen? Ich habe gelernt, was für ein Geschenk das ist, wenn es einen bewiesenermaßen gibt. Ja, und Lesbos ist natürlich trotzdem eine schöne Insel, die von Oliven und vom Tourismus lebt und wo der Himmel wunderbar blau ist. Aber die Situation der geflohenen Menschen ist ein Desaster. Man braucht nicht Fotos mit Tränen und Schlamm, um das zu zeigen. Ein Mensch ohne Heimat ist auch unter blauem Himmel arm dran. Und trotzdem bleibt er ein Mensch.

"Ein Clown verändert die Welt von innen heraus"

Was bewirken Ihre Auftritte?

Wimmer: Die Kinder spielen, was ihre Realität ist. Wenn Krieg ist, spielen sie Krieg. Wenn Clown ist, spielen sie Clown. Ich glaube schon, dass unsere Auftritte etwas verändern. Kollegen haben in der Türkei vor syrischen Kindern gespielt. Nach einem Jahr kamen sie wieder in das Lager, und da rannten die Kinder auf die Straße, riefen die Clowns beim Namen und sangen ihnen die Lieder ihrer Show vor. Ein Clown verändert die Welt von innen raus.

Was ist das Geheimnis des Clowns?

Wimmer: Der Clown braucht immer ein Problem, irgendwas Simples. Er kriegt die Tür nicht auf. Oder nicht zu. Oder er ist in Hundekacke getreten. Vor allem die westlichen Menschen wollen perfekt sein, sie machen keine Fehler, und wenn doch, wollen sie sofort eine Lösung präsentieren. Der Clown nicht. Der steckt in der Scheiße, und es dauert, bis er da rauskommt. Und wenn er es dann geschafft hat, muss er das der ganzen Welt mitteilen. So wird ein Missgeschick vom "Problem" zu einer schlichten Tatsache. Der Clown teilt sein Unvermögen so, dass sich die Menschen kaputtlachen. Das gönnen wir uns viel zu selten. Dabei ist es langweilig, immer perfekt zu sein. Dafür sind wir nicht geboren, denn sonst wären wir ja Roboter.

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